Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 13 (1928) Richter und Narr/ Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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56 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 13 Die Kirche war aber auf diesen Zug der Büßer stolz. Denn dies war ja der Triumph des christlichen Glaubens, und die Totenkerzen in den Händen der Büßer beleuchteten die Gerechtigkeit und die Wahrheit der katholischen Kirche. Hinter den Büßern folgte Jephtha. Ihr voran trugen die Nonnen des Klosters zum „Heiligen Herzen“ das Bild der Madonna; hinter dem Bilde aber ging majestätischen Schrittes in ihrem blausamtnen Kleid barfuß und mit aufgelöstem Haar die Hexe von Kastilien selbst. Die umstehende Menge wußte nicht, wer in Wahrheit die Madonna war: die Frau auf dem Heiligenbild oder aber das Mädchen, das hinter diesem folgte. Beide glichen einander wie zwei Tropfen Wasser, wie zwei Sonnenstrahlen, nur mit dem Unterschied, daß das Bild über der Erde schwebte und der nackte Körper der Madonna sich fleckenlos wie die hinter den Wolken hervorbrechende Sonne von dem blausamtnen Mantel, der gleichsam von ihrem Körper herunterfiel, abhob — während die zweite Madonna sich ganz in ihr Samtgewand hüllte und nur ihre bloßen Füße sehen ließ. Allein ihr Gang war ebenso schwebend wie die auf dem Bilde festgehaltene Bewegung der Madonna. Die Menge aber empfand vor der gekleideten Madonna noch größere Ehrfurcht als vor der auf dem Bilde enthüllten Madonna. Das Volk vermochte Jephthas Blick nicht zu ertragen und fürchtete sich, ihr ins Gesicht zu sehen, denn ihre Züge waren jetzt, da sie zwischen den Heiligenbildern ging, noch göttlicher, noch himmlischer und flößten noch größere Ehrfurcht ein. Ihre Augen blickten mit. eitlem solchen Ausdruck von Barmherzigkeit auf das Volk, das die Straßen füllte, und auf das, was um sie herum war, daß es schien, als umfinge sie alles mit ihrem Blick, als drückte sie es an ihr Herz und weinte darüber unsichtbare Tränen. Es war, als sähe sie das, was hinter einem jeden in der Menge unsichtbar stand; sein Los und seine Bestimmung, und als trauerte sie über jedermann ... So kniete ein Teil der Menge instinktiv vor ihr, senkte das Gesicht zur Erde, bekreuzte sich und betete inbrünstigen Herzens ... Später behauptete man, sie habe einen jeden, der ihr ins Gesicht geblickt, für sein ganzes Leben verzaubert: er mußte an sie bis zu seinem letzten Augenblick denken, sah sie vor den Augen bei seinen Gebeten, und richtete diese an sie ... Als der Zug auf dem Campo di fiera anlangte, saßen der Papst mit seinem Gefolge sowie der Großinquisitor mit dem heiligen Tribunal bereits in ihren Logen unter den roten Baldachinen. Das Volk, das den ganzen Platz füllte, war beim Herannahen der Prozession so erschrocken und still geworden, als hätte es eine göttliche Vision erblickt. Die Dominikaner mit den Kirchenbildern umringten den Papst und das heilige Tribunal. Die Nonnen vom Kloster zum „Heiligen Herzen“ trugen das Bild der Madonna an den Scheiterhaufen heran und hoben es in die Höhe, um dem Volk die Gestalt derjenigen zu zeigen, um derentwillen ein lebender Mensch verbrannt werden sollte. Allein das Volk wollte nicht die tote, sondern nur die lebende Hexe sehen. Es freute sich an jeder Bewegung der ihm so gut bekannten und von ihm so verehrten Gestalt. Die Menge sah es wie ein Wunder, wie eine unerklärliche Zauberei an, daß das lebende Bild, das dem toten folgte, gehen, sich bewegen und atmen konnte. „Seht, seht, wie sie geht, als berühre sie mit ihren Füßen nicht die Erde.“ „Das ist Zauberei.“ „Sie weint. Seht die Tränen in ihren Augen.“ „Nein, sie lächelt, ihre feucht schimmernden Augen lächeln.“ „Es sieht aus, als bewegten sich ihre Lippen, als wollte sie sprechen.“ „Ihre Lippen bewegen sich immer auf dem Bild, siehst du, wie die Lippen der heiligen Mutter sich bewegen.“ „Und siehst du, wie die Augen der heiligen Mutter feucht sind, wie sie doch durch die Tränen lächeln, genau so wie die Augen jener?“ „Blickt »ihr nicht ins Gesicht, sonst werdet ihr verzaubert!“ rief eine Frau warnend der Gruppe zu, die so sprach. „Es tut so wohl, in ihr Gesicht, die Locken — das alles soll verbrannt werden!“ „Ihr seid schon verzaubert! Sie hat euch verzaubert, weil ihr zu lange in ihr Gesicht geblickt habt.“ „Sie wird alle verzaubern; auch das Feuer wird sie verzaubern.“ „Vielleicht ist sie aber ein himmlisches Wesen! Vielleicht ist sie in Wirklichkeit ein überirdisches Wesen?“ „Das wird eben das Feuer beweisen: wenn sie ein himmlisches Wesen ist, können die Flammen keine Macht über sie haben.“ (Schluß folgt).