Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 12 (1928) Richter und Narr/ Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 12 Romanbeilage des „Jüdischen Echos4 51 DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN VON SCHALOM ASCH (Copyright by R. Löwit, Wien, Leipzig) 12. Fortsetzung. Von Tagesbeginn an füllten sich alle Straßen und Plätze Roms mit Menschen, Pferden und anderen Zugtieren. Von nahe und von fern, von überall her, wohin das Gerücht von der Hexe gedrungen war, die das Antlitz der heiligen Mutter trug, strömten die Menschen an diesem großen Festtag des Scheiterhaufens nach Rom herbei, um zu sehen, wie die Hexe unberührt aus dem Feuer emporsteigen würde. Man kam auf allen Wegen und allen möglichen Fahrzeugen. Die einen ritten auf Pferden, die andern auf Eseln und Kamelen, die dritten auf Maultieren, und andere kamen wieder zu Fuß selbst aus den entferntesten Provinzen von Ferrara und Florenz. Die Matrosen von Ancona kamen auf geschmückten Segelschiffen den Tiber herauf. Rom hatte nicht genug Platz, um all den Besuchern ein Obdach zu gewähren, und so standen diese mit ihren Tieren in den Straßen, schlugen farbige Zelte auf den Plätzen auf, belegten die Marmortreppen der Kirchen, den Platz von St. Peter, vor der Peterskirche; vor den Marmorestraden, die Michelangelo errichtet hatte, lagerten Zehntausende von Männern mit ihren Frauen und Kindern, mit ihren Eseln und Kamelen, und immer neue Zelte wurden aufgebaut. Rom war so eng, so schmutzig und überfüllt, daß die Aristokraten und die Kurtisanen für diesen Tag die Stadt verlassen hatten, weil sie die stickige Luft, den Schweiß und den Gestank des Pöbels, in dem Rom versank, nicht ertragen konnten... Auf dem Platze Campo di fiera, auf dem das große Autodafe stattfinden sollte, waren bereits seit einigen Tagen und Nächten unter dem eindringenden Pöbel Schlägereien im Gange, da jedermann bestrebt war, den besten Platz zu besetzen. Am Morgen des Gründonnerstags aber war der ganze Platz von Männern, Frauen, Kindern, Tieren, Pferden und Zelten so dicht gefüllt, daß die Mönche nur mit Mühe und Not vermochten, neben der Pyramide, auf der die Hexe verbrannt werden sollte, zwei Logen mit rotsamtenen Baldachinen zu errichten, von denen die eine für den Papst und dessen Gefolge, die zweite für den Großinquisitor mit dem hohen Tribunal bestimmt war. Denn alle die, die sich auf dem Platze vor der Pyramide befanden, glaubten schon ein Anrecht auf den von ihnen belegten Platz erworben zu haben, indem sie einige Nächte hindurch dort geschlafen hatten in Erwartung des Tages, an dem die Verbrennung vor sich gehen sollte, und sie weigerten sich, ihren Platz, wem es auch sei, abzutreten. So waren die Mönche gezwungen, mit Gewalt vorzugehen. Mit langen, bleigefüllten Stöcken, Spitzruten und Peitschen trieben sie die Widerspenstigen aus der Menge, um Platz für den Papst und das hohe Tribunal zu schaffen. Auf dem Campo di fiera entstand ein ganz jahrmarktmäßiges Treiben. Die Menge, die hier schon einige Tage und Nächte verbrachte, wollte doch leben, und so waren dorthin verschiedene Händler mit Garküchen und Wein, sowie Wunderdoktoren eingedrungen und hatten ihre Buden aufgeschlagen. Über den Häuptern der Menschenmasse erhob sich ein dichter, schwärzlicher Dampf, der von den geheizten Kesseln herrührte, die die Besitzer der Garküchen auf Wägelchen mitführten, und in denen sie warme Speisen zubereiteten. Wunderdoktoren mit langen Hüten, auf denen astronomische Zeichen prangten, mit langen Mänteln, auf denen Sterne und Kometen aufgemalt waren, standen auf ihren Wagen und priesen in Versen die Kraft ihrer Magik an, die sie instandsetzte, durch ein Zaubermittel der ausgemergelten, runzligen Haut der Frauen rosig jugendliche Farbe zu verleihen, welken Leibern ihre Jugend zurückzugeben; Brünette in Blonde, schwarzes Haar in goldiges zu verwandeln, kranke Zähne auszuziehen, Leibschmerzen zu heilen, zur Ader zu lassen und den bösen Blick durch einen Spruch unwirksam zu machen. Die Wege, die zu diesen Doktoren führten, waren stets voller Frauen, die sich das schwarze Haar blond färben ließen, was damals die große Mode war. Auch fehlten an diesem Tage des Festes der Kirche und des „Glaubensaktes“ die römischen Straßenwei'ber nicht, die ihre farbigen Zelte unter der Menge aufgeschlagen, die Türen mit roten Rosen geschmückt und als Symbol ihres Berufes vor dem Zelteingang das Bild der heiligen Magdalena mit aufgelöstem goldigem