Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 12 (1928) Richter und Narr/ Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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52 Romanbeilage des „Jüdischen Echos4 Nr. 12 Haar aufgehängt hatten, die seit jeher als Beschützerin der Straßenweiber, gleichsam als offizielle Dirne der Kirche galt... Inmitten dieser ganzen sich dicht zusammendrängenden Menge, die nach Schweiß, gepfefferten Speisen, saurem Wein, schlechtem Parfüm der Dirnen, zertretenen Blumen und erhitzten Körpern roch, war auf dem Campo di fiera ein viereckiger Raum abgeteilt worden, der für den Scheiterhaufen bestimmt war, auf dem die Hexe von Kastilien verbrannt werden sollte. Der Raum um den Scheiterhaufen samt den Logen für den Papst und den Großinquistor wurde vor den Massen abgegrenzt und von schwarzgekleideten Inquisitionsmönchen bewacht. Der Scheiterhaufen hatte die Form einer Pyramide, die ausschließlich aus — jüdischen Manuskripten und Büchern bestand... Man hatte in allen italienischen Provinzen diese Bücher aufgetrieben, Synagogen überfallen und Familienbibliotheken, von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbende Büchersammlungen weggenommen, die ihren Besitzern wertvoller als alle Schätze der Welt waren und sorgfältiger behütet wurden als das einzige verwöhnte Kind der Familie; Bücher, die die Juden aus Spanien, aus Portugal und aus andern Ländern der Diaspora mitgebracht hatten, als sie nach den damals toleranten italienischen Provinzen geflüchtet waren. Man hatte die jüdischen Druckereien überfallen (die sich sehr schnell über die italienischen Provinzen verbreiteten), hatte die beschlagnahmten Bücher der Inquisition zugeführt und sie für das Fest des Autodafes gesammelt, um die jüdische Hexe zusammen mit den jüdischen Zauberbüchern einzuäschern. Schon wiederholt hatte man in Rom jüdische Bücher verbrannt, allein deren Zahl und deren Wert waren noch niemals so groß wie diesmal. Die Juden hatten nach Rom und nach Italien jhre Bücherschätze mitgebracht, die aus seltenen Manuskripten und wertvollen Büchern bestanden, um sie vor den Scheiterhaufen der spanischen und portugiesischen Inquisition zu retten. In den Städten Ferrara und Mantua, in denen die Juden ihre ersten Druckereien gegründet hatten, befanden sich seltene Manuskripte, nach denen die ersten Pentateuche und die ersten Talmudexemplare gedruckt wurden. All dieser Bücher bemächtigte sich jetzt die Inquisition, um die Pyramide aus Papier zu errichten, auf der die Hexe von Kastilien verbrannt werden sollte. In dieser Bücherpyramide befanden sich auf Papyrus geschriebene Talmudrollen; Exemplare, die aus den Schulen der Pumbaditha stammten; Pentateuche, die von jüdischen Originalen für die Exilarchen von Babylon kopiert worden waren; Bücher des Maimonides, von seiner eigenen Hand geschrieben; Dichtungen und religiöse Lieder der großen jüdischen Dichter Spaniens, die nunmehr im Feuer für immer untergehen sollten; Erstauflagen des Talmuds, der „Jad hachasakah“, der ethischen und philosophischen Schriften, herausgegeben von den ersten Druckereien der Welt, die sich in Mantua und Ferrara befanden und von dem christlichen Gelehrten de Rossi gegründet worden waren; die ältesten Exemplare der prachtvollen Drucke der Familie Soncino aus Rimini; Ausgaben von seltener Schönheit, Erzeugnisse der berühmten Druckerei des Christen Daniel Bamberg aus Venedig; Talmudausgaben und Gebetbücher, die der gelehrte Kardinal Madruzzi gemeinschaftlich mit dem großen Rabbiner Josef Ottolenghi in Riva di Trento gedruckt hatte; Pergamentbriefe, die die babylonischen Exilarchen an die Juden in den entferntesten Ländern der Slawen und Tataren geschrieben hatten; Klagegesänge und Lieder der Juden am Rhein aus der Zeit der ersten Kreuzzüge; wissenschaftliche Bücher, Kontorbücher, astronomische Schriften, medizinische Werke und kabbalistische Manuskripte, geschrieben von den alten spanischen Juden in der Zeit der Blüte unter der Herrschaft der arabischen Kultur. Alles, alles war zu der großen Pyramide zusammengetragen worden, um zusammen mit der Hexe von Kastilien verbrannt zu werden. Das Judenghetto Roms wurde an diesem Tage innen und außen abgeschlossen. Man sah keinen Menschen in den Straßen, Tür und Tor waren verriegelt. Groß und klein, Mann und Weib hielten sich in den Häusern, den Gemächern und den Geheimkammern auf, und ihr Weinen und Klagen stieg zum Himmel empor, ein Klagen nicht darüber, daß ein Mensch verbrannt werden sollte, sondern ein Jammern über das unschuldige große Opfer, über die heiligen Bücher, die vernichtet wurden. Zu der vom Haupt der Sternseher am päpstlichen Hofe bestimmten Minute setzte sich der Inquisitionszug mit der Hexe von Kastilien von der Kirche St. Angelica nach dem Campo di fiera in Bewegung, auf dem sich die Bücherpyramide erhob. Die Kirche führte der Außenwelt ihre ganze Pracht und ihren Glanz vor: es war ja ihr Siegestriumph, die Macht des von ihr vertretenen Glaubens, die sie durch diese Prozession bei herrlichem Sonnenschein manifestierte. (Fortsetzung folgt.)