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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 12 (1928) Richter und Narr/ Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 50

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
12 (1928) Richter und Narr/ Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 12 „Wir haben kein Geld, lieber Mann, und die älteren Leute sind alle nicht zu Hause. Dies hier ist unser Haus: wenn du magst, so komm morgen früh — du mußt ja ohnehin in Timnata übernachten; es ist bald Abend.“ „Danke dir, du Schöne,“ sagte der Händler, „ich werde kommen. Gefällt euch etwas, so werdet ihr kaufen; wenn deine Eltern etwas zu verkaufen haben — so werde vielleicht auch ich etwas kaufen. Deine Schwester hat recht: ich habe allerhand Ware, neue und alte, sichtbare und unsichtbare.“ Und am Zaum zerrend, um den Esel aus dem Zustand griesgrämiger Nachdenklichkeit herauszubringen, fügte er in geschäftlichem Tone hinzu: „Gibt es bei euch in Timnata eine Buhlerin?“ Diese Frage stellte er ohne die geringste Verlegenheit, obwohl er ein Mann von höflichen Manieren und gesittetem Lebenswandel war. Die Herbergen wurden nämlich damals von Frauen aus dem freien Dirnenstand unterhalten; die Begriffe „Herbergswirtin“ und „Buhlerin“ deckten sich. Das rothaarige Mädchen antwortete ebenso sachlich: „Ja, doch mußt du durch die ganze Stadt gehen; ihr Haus befindet sich am Nordtor. Jedermann wird es dir zeigen können.“ „Gar nicht notwendig, jemanden auf der Straße zu fragen: er wird den Lärm schon auf halbem Wege hören“, brummte wieder die Jüngere mit aufgeblasenen Lippen. Der Wanderer verabschiedete sich und warf im Weitergehen einen schielenden Blick auf das reizbare Mädchen. Sie mißfiel ihm. Sie hatte wenig Ähnlichkeit mit der Älteren. Es mochten wohl kaum Schwestern sein: übrigens hatten im Scheine der schrägen Sonnenstrahlen auch die schwarzen Locken der Jüngeren einen rötlichen Schimmer. Sie mißfiel ihm sehr. Und so murmelte er,'langsam weiterschreitend und den trägen Esel scheltend, eine lange und umständliche Beschwörungsformel gegen den bösen Blick vor sich hin. Noch ehe er nach Timnata gelangte, war die Sonne untergegangen und die Straßen leer geworden. Diese Seite der Stadt machte auf ihn den Eindruck eines vornehmen Stadtviertels: es waren da viele steinerne Häuser, und an den Gerüchen, die zusammen mit dem Rauch über die niedrigen Zäune wehten, stellte er mit Bestimmtheit fest, daß fast überall Ziegenfleisch gebraten wurde. Einige Häuser hatten geschnitzte Türen; hier und da hörte man Gesang und die Klänge eines Saiteninstrumentes. Ein eingeborener Knecht, der einen Korb mit getrocknetem Mist für die Herdfeuerung auf dem Kopfe trug, wies ihm den Weg nach dem Hause der Buhlerin. Weit fort noch von der Herberge änderte sich der Charakter der Gebäude: hier wohnten die Armen in elenden Hüttchen aus sonnengebranntem Lehm oder einfach in grauen schachtelförmigen Erdhütten; die Hausbewohner kauerten vor den Eingängen und aßen mit den Fingern irgendeine Grütze. Es war bereits dunkel geworden; nur hin und wieder traten im Scheine kümmerlicher Ölfunzeln grobe und scharfe Gesichtszüge hervor: es befanden sich keine Philister unter ihnen, dieser ganze Stadtpöbel — Tagelöhner, Handwerker und Bettler — setzte sich zusammen aus den Splittern der einheimischen ^tämme, schon bis zur Unkenntlichkeit zermahlen zwischen den Eroberervölkern. Die Herberge befand sich dicht neben dem Tor. In der Tat war das laute Stimmengewirr schon von weitem zu hören. An der Umzäunung hatten sich alle obdachlosen Hunde der Vorstadt versammelt, alle gleich aussehend, ohne die Merkmale irgendeiner Rasse, wie auch die Menschen in diesem Stadtviertel, und ohne sich zu drängeln oder einander anzuknurren, harrten sie der Stunde, da die Magd ihnen die Speisereste zuwerfen würde. Hinter der Umzäunung befand sich ein geräumiger Hof, von zwei Pechpfannen erleuchtet. Dort stand ein langer Tisch von der Kniehöhe eines erwachsenen Mannes, und an diesem Tisch fand ein Gelage statt: es lagen und saßen etwa zwanzig Mann um ihn herum, die einen auf Matten, die anderen auf dem nackten Erdboden. Im Hintergrund des Hofes befand sich eine niedrige breite Erdhütte; auf der Schwelle stand die Hauswirtin und kommandierte mit schallender Stimme über den ganzen Hof hinweg ihr Personal. Man sah, daß es ein gut bestellter Gasthof war: das männliche Gesinde bestand aus zwei breitschultrigen Negern, die beim Reichen der Speisen vergnügt die Zähne fletschten, indes die Dienstmägde — zwei Weiße und eine Mulattin — angenehm stattliche und leicht gekleidete Mädchen waren. Die Küche befand sich am entlegensten Ende des Hofes, unter einem schrägen Dach, mit einem mäßig hohen Zaun an der Windseite; vier halbkugelförmige, mit der Schnittfläche nach unten gekehrte Lehmöfen entsandten ihren Rauch geradeswegs in den Sternenhimmel; außerdem schmorte noch irgendein großes Fleischstück auf offenem Kohlenfeuer über einem flachen Stein und wurde von einem der Neger von Zeit zu Zeit mit einem Stock umgewendet. (Fortsetzung folgt.)

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