Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 12 (1928) Richter und Narr/ Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE D E S „ J Ü D I S C H E N ECHOS“ RICHTER UND NARR VON ALTALENA (Wladimir Jabotinsky) (Copyright by Meyer & Jessen, München)' Erstes Kapitel Ein Tausendkünstler Ein müder Wanderer kam die Südstraße herab; hinter ihm her zottelte an langem Lederzaum ein kleiner Esel, mit zwei Netzsäl^- ken beladen. Der Mann mochte an die fünfunddreißig Jahre alt sein; er hatte ein krauses schwarzes Spitzbärtchen und neugierig verwegene, stark vorgewölbte Augen. Um den Kopf trug er ein schmutziges weißes Tuch; sein braunes ärmelloses Gewand hatte er bis zu den Knien hochgerafft, um unbehinderter gehen zu können. Die Ledersandalen hatte er aus Sparsamkeit an den Gürtel gehängt, er ging barfuß. Der schwere deckenartige, ebenfalls braune Mantel war sorgfältig zwischen den zwei Säcken auf dem Rücken des Esels zusammengelegt. Die Sonne neigte sich bereits, und es war kühl. Die Regenzeit war erst seit einigen Tagen vorüber. Das Tal, in das die steinige, noch nicht sehr staubige Straße hinabführte, und die Hügel ringsum feierten ihre beste Stunde; das Laub der Haine und Weinberge war noch nicht grau vor Staub, die Bäche begannen seichter zu werden, waren jedoch noch nicht ausgetrocknet. Der rote Boden war dicht bestellt; unten im Tal sah man ein größeres Städtchen und am Wege dorthin einzelne herrschaftlich aussehende Häuser mit Gärten; auch auf den Hügeln hoben sich in der Ferne die Umrisse einiger größerer Ortschaften ab. „Üppig leben die Leute hierzulande“, sagte der Wanderer zu sich selbst. Bis zum ersten Herrschaftshaus waren es noch einige hundert Schritte, und von dort bis zum Stadttor mochte es noch dreimal so weit sein. Es war ein großes und schönes Haus, mit runden Säulen und allerhand Anbauten; dahinter lag eine breite Senke — jetzt, nach der Regenzeit, zeitweilig ein Teich. Aus dem Hause traten zwei weibliche Gestalten; langsam, als gingen sie nur spazieren, schritten sie bergauf, dem Wanderer mit dem Esel entgegen. Sie waren ganz vertieft in ihr Gespräch, das vielleicht auch ein Streit sein mochte, denn die eine von ihnen, die kleinere^ sah erregt aus und fuchtelte mit den Händen. Nach einigen Minuten erkannte der Wanderer, daß es ein etwa zwölfjähriges schwarzhaariges Mädchen war; die Ältere, mit üppigem rotbraunen Haar, schien ungefähr drei Jahre älter zu sein. An den Kleidern, die viel länger und auch anderen Schnittes waren als bei den Frauen seines Stammes und den Eingeborenen, erkannte der Wanderer, daß die Mädchen einer philistäischen Familie angehörten. Als sie näher gekommen waren, versuchte er, das eine Auge zukneifend, von weitem die Wollart zu bestimmen, aus der ihre Kleidung gefertigt war: es war gute Wolle, insbesondere bei der Älteren. Einige Schritte vor ihnen machte er halt und sagte höflich: „Guten Tag, ihr Jungfrauen.“ „Guten Tag“, erwiderte die Rothaarige und lächelte. Es war ein sehr hübsches Mädchen, grünäugig, mit keckem und vergnügtem Gesichtsausdruck; beim Lächeln bekam sie Grübchen auf beiden Wangen. Sie blieb stehen; die Jüngere ebenfalls, jedoch ungern und mürrisch zur Seite blickend. Auch sie hatte grünliche Augen. „Was ist das für eine Stadt dort unten?“ fragte der Mann. „Es ist Timnata. Bist du ein Händler?“ Das Mädchen deutete auf die Saumlast. „Auch Händler. Soll ich dir einen Kamm aus Elfenbein zeigen? Oder Amuletts? Bunte Gürtel? Salben?“ Er begann ausführlich seine Waren aufzuzählen, gab an, aus welchem Lande ein jedes Ding stammte; es waren die Namen sehr vieler Länder, und so sagte das jüngere der Mädchen brummig, ohne ihn anzusehen: „Solche Länder gibt es sicher überhaupt nicht in der Welt. Er hat seinen Plunder irgendwo an einem Stadttor gekauft und handelt jetzt mit alten Sachen, wie all diese Hausierer aus dem Hochland. Meine Mutter sagt immer: ,ein guter Kaufmann kommt aus der Richtung Ekron und nicht aus AdullanT.“ Er wollte ihr etwas, darauf erwidern, aber da mischte sich die Ältere ein, offenbar um die Schroffheit wieder gutzumachen: