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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 11 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 47

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
11 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 47 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 Romanbeilage des „Jüdischen Echos4 47 seinen Augen die Sehkraft wiedergeben, damit er nur noch ein einziges Mal dem Vater aller Christen ins Gesicht schauen konnte. Allein seine Augen blieben blind für diese Welt. Er sah nur tief in seinem Innern das himmlische Licht, die flammende Wahrheit, die in seinem Herzen loderte, und die große Gerechtigkeit seiner Sache, und aus seinem Herzen entrang sich ein Gebet zu Gott, zu dem einzigen lebenden Gott, für den sein Leben hinzugeben er bereit war. Er faßte die Hand seiner Enkelin, und beide fingen laut zu singen an: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil, Der Herr ist meines Lebens Kraft; Vor wem sollte ich mich fürchten?“ Jude, du antwortest mir nicht, das heilige Tribunal wartet auf deine Antwort, Jude.“ „Ist das die Sünde, um derentwillen du die Heiligen in deinen Folterkammern marterst?“ schrie nun der blinde Mann wie ein Löwe auf. „Weh euch! Wem dient ihr? Einem Gott, den man mit Zauberworten beschwören kann? Dem man Gewalt antun kann? Macht eure Augen auf und seht den einzigen lebenden Gott auf Erden und im Himmel! Nein, das ist nicht euer Gott,“ zeigte Rabbi Jakob auf seine Enkelin — „sie ist nur ,ein armes jüdisches Mädchen, gejagt und geplagt wie wir alle, allein wegen des Glaubens ihrer Eltern.“ Wieder machte sich eine leise Bewegung in dem großen Saal bemerkbar. Wieder blickten die Kardinäle einander blaß an, aber der Papst erhob sich von seinem Thron, nahm das Kreuz in seine Hand und sagte: „Jude, schon zweimal hast du die Kirche und ihre heiligen Dogmen in Gegenwart des hohen Tribunals gelästert. Allein die Kirche ist mitleidig und geduldig wie eine Mutter, die ihre Hände ausbreitet, um ihre verirrten Kinder zu empfangen. Höre auf den Ruf unserer Mutter, der heiligen Kirche.“ Mit diesen Worten stieg der Papst von seinem Thron mit dem Kreuz in der Hand herunter und hielt es vor das Gesicht des blinden Juden. „Vor deine blinden Augen halte ich das Licht der Welt, den Glanzschein Gottes. Laß dein Herz ihn fühlen, beuge deine Knie vor ihm, damit deine sündige Seele, die ihn gelästert hat, die Vergebung erlangt und in das himmlische Reich aufgenommen wird.“ Allein sobald der Jude das silberne Kreuz an seinem Gesichte und den Geruch des Weihrauch wahrnahm, schob er aufgebracht das Kreuz mit den Händen beiseite und rief aus: „Vor wem knien? Zu wem soll ich beten? Wem dienen? Einem Stück Silber, das ein Silberschmied in seinem Rohr gegossen, mit seinem Hammer ausgehauen, das man für Geld kaufen, für Geld verkaufen und als Pfand versetzen kann?“ „Jude, ich fordere dich noch einmal auf, niederzuknien vor dem Symbol, vor den Leiden, die er deinetwegen und meinetwegen und um unser Sünden willen erduldet hat“, sagte der Papst und führte abermals das Kreuz an das Gesicht des Juden. „Vor einem Menschen, den man gekreuzigt hat? Vor einem Menschen, den man gemartert, soll ich knien? Für ihn kann ich nur Mitleid haben, ihn kann ich bedauern, aber ihm dienen?“ fügte der Jude lächelnd in kastilischer Sprache hinzu. Der Papst errötete. Die Falten seines Gesichtes bewegten sich wie ein stürmisches Meer. Er verlor seine väterliche Geduld, mit der er das Tribunal vorhin überrascht hatte, und rief nun mit drohender Stimme: „Jude, die Arme der Kirche reichen weit, sie packen fest zu und brennen wie eine Feuerzange.“ Mit diesen Worten streckte der Papst das Kreuz wieder gegen das Gesicht des Juden. „So mußt du reden, Papst. Das ist deine Sprache! Sag’ lieber einfach: sie soll dir dienen, vor dir knien, zu dir beten. Du bist ja doch der Gott aller Gläubigen, hast mehr Macht als er und kannst die bestrafen, die sich dir widersezten! Du kannst sie in Folterkammern peinigen, auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Du bist mächtig, du, nicht er, bist der Herr aller Gläubigen, du bist stärker als er, Heiliger Vater!“..'. Das Kreuz zitterte in der Hand des Papstes. Sein Gesicht errötete. Die Gramfalten seines Gesichtes schwollen an. Der Jude hatte ihm ja gerade das gesagt, was er selbst tief im Herzen empfand und woran zu denken er fürchtete. Plötzlich machte er durch einen Schlag mit dem Kreuz den Juden stumm. Ein Strom Blutes sprang aus dem Gesicht des alten Mannes hervor und befleckte das silberne Kreuz in der Hand des Papstes. Bluttropfen rannen vom Kreuze herunter und fielen auf den Leib Jesu Christi, der an das Kreuz angeschlagen war. Ein Knie des blinden Rabbi Jakob sank ein, und er sah einen Augenblick lang aus, als gerate ,er ins Wanken. Aber er blieb dennoch auf seiinen Füßen stehen. Und mit blutüberströmtem Gesicht sagte er das Psalmenzitat gleichsam für sich her: „Für dich erlitt ich die Schande, Und Scham bedeckte mein Gesicht.“ Als dann die Inquisitionsmönche auf einen Wink des Großinquisitors hin den blinden

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