Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 11 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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48 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 11 Rabbi Jakob in das Foltergewölbe fortschleppten, erklang von dort der Gesang: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft: Vor wem sollte mir grauen?“ Jephtha machte eine Bewegung, als wollte sie dem Alten folgen. Sie streckte die Hände nach ihm aus und ihr Blick senkte sich in seine Augen. Allein der Papst stellte sich ihr in den Weg. Er streckte ihr das blutbesuldete Kreuz entgegen und rief ihr zu: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und Heiligen Geistes, sage mir: wer bist du?“ Jephtha blickte ihm gerade ins Gesicht. Aus ihren Augen flössen zwei Tränen gleich runden Perlen und blieben am Rande ihrer Wimpern hängen. Der Papst konnte ihren Blick nicht ertragen. Die Traurigkeit ihres Gesichtes machte sein Herz erbeben. Er führte das blutige Kreuz ihrem Gesichte noch näher zu und rief: „Du bist der Geist unserer gebenedeiten Frau, die Mutter deines Sohnes; so knie vor ihm nieder, beuge dich zu seinen Leiden. Tust du es aber nicht, so hast du dir nur durch Zauberei das Gesicht unserer gebenedeiten Frau gestohlen und trägst es mit unreiner Macht, um unsere Herzen zu täuschen.“ Die beiden Tränen flössen an den Augenwimpern Jephthas herab, zogen sich wie Perlenschnüre über ihre Wangen und blieben am rosigen Rande ihres kleiinen Mundes hängen. Das Kreuz in der Hand des Papstes zitterte. Sein Herz wurde schwach und er konnte ihren Anblick nicht ertragen. „Das Feuer soll zeugen, wer du bist! Bist du unsere gebenedeite Frau, so wird das Feuer über deinen heiligen Körper ebensowenig Macht haben wie über andere Heilige; bist du es aber nicht, so hast du dir nur durch Zauberei das Gesicht der heiligen Mutter angeeignet“, sagte der Papst. Jephthas betende Lippen umspielte ein beredtes Lächeln. Niemand wußte, was es bedeutete. Es war, als weinte sie lächelnd und als lächelte sie weinend ... In allen Kirchen Roms hielt man Dankgottesdienste ab. Von Rom aus wurde über die ganze katholische Welt die Nachricht ausgesandt, daß der Tag des heiligen Paul fortan als großes Kirchenfest gefeiert werden sollte. Besondere Lobgesänge und Dankgebete, die die zu diesem Zweck von Rom aus abgeschickt wurden, sollten in den Kirchen gesungen werden, die heiligen Fahnen sollten auf die Kirchhöfe hinausgetragen und die Kirchenbilder in Prozessionen herumgetragen werden. Die Chronisten aber trugen iin die Annalen der Kirche, zum Andenken der kommenden Geschlechter, die Erzählung von dem großen Wunder ein, das Papst Paul IV. vollbrachte, indem er mit dem gefährlichen Satan kämpfte, der die Gestalt der heiligen Mutter angenommen hatte, und ihm erst nach einem heftigen Kampfe durch ein Wunder beiizukommen vermochte, nämlich mit dem Blute Jesu Christi, das auf dem Kreuz in der Hand des Papstes hervorgetreten war. 16 Der Akt des Glaubens Auf allen Korsoplätzen, auf denen das römische Volk sich zu versammeln pflegte, in allen Kirchen beim Gebet und auf allen sonstigen Versammlungsplätzen hatten Herolde mit ihren langen Silbertrompeten schon wochenlang vorher verkündet, daß am kommenden großen Feiertag, dem Gründonnerstag, auf dem Platze Campo di fiera, auf dem seit jeher jüdische Bücher und lebende Juden verbrannt wurden, ein großes Autodafe, ein Akt des Glaubens, abgehalten werden sollte. Die gefährliche Hexe von Kastilien, die sich durch Zauberei das Gesicht der heiligen Mutter angeeignet hatte, wie sie auf dem Bilde der „Mutter der Liebe“ dargestellt ist, das im Kloster zum „Heiligen Herzen“ hängt, diese Hexe sollte nun öffentlich verbrannt werden, damit das Feuer bezeuge, ob sie in Wirklichkeit die* Inkarnation der Gottesmutter oder aber, wie die Inquisition behauptete, nur eine Hexe sei. Am Gründonnerstag ging die Sonne über dem Tiber auf wie eine rote Feuerkugel, wie ein brennender Pechklumpen und begann sogleich mit einer so erstickenden Hitze zu leuchten, daß es schien, als wollte sie die ganze Luft über Rom in Glut verzehren, damit die Stadt erstickte. Und gleichzeitig mit dem Aufgehen der brennenden Sonne, unter deren Strahlen das Himmelsgewölbe über Rom immer heißer wurde, erscholl dumpfes, beängstigendes Glockengeläut von allen Kirchen Roms, und man hatte den Eindruck, als weckten die Kirchenglocken die flammende Sonne im Himmel, als steigerten sie noch ihre Glut, als reizten sie ihre Flammenzungen, noch mehr zu brennen und die Luft von Rom zu verzehren. ... Das Glockengeläut, das erst wie ein Klagegesang, wie ein stilles Gebet, wie ein in der Ferne verhallendes Weinen eingesetzt hatte, wurde immer lauter und immer beängstigender, als läutete es irgendein großes Unglück ein, das sich Rom näherte. (Fortsetzung folgt)