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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 11 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 46

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
11 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
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46 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 11 Rabbi Jakob, von seiner Enkelin Jephtha geführt, ruhig und majestätisch langsam hindurch. Der Greis und das Mädchen würdigten weder die Mönche noch die brennenden Kerzen eines Blickes, als hätten sie niemand gesehen, als hätte sich überhaupt niemand im Tribunalsaal befunden. Und sie sangen laut, mit klingenden Stimmen ihre Psalmensprüche weiter: „Wenn sich schon ein Heer gegen mich legt, So fürchtet sich dennoch mein Herz nicht, Wenn sich Krieg gegen mich erhebt, So verlasse ich mich auf ihn.“ Die Mönche und die Priester aber sahen, als die beiden sich ihnen näherten, nur sie — die Jungfrau allein, die sie so gut von dem Heiligenbilde her kannten, die Mutter der Liebe, zu der sie auf den Knien beteten, deren Miniaturbild sie an Goldkettchen auf der Brust trugen, deren Gesicht sie in heißem Gebet vor dem Schlaf und beim Aufstehen küßten. Und nun ging sie da in eigener Person, mit den großen andächtigen Augen traurig und liebevoll dreinschauend, und mit dem stillen kleinen Mund, der, zum Weinen verzogen, dennoch lächelte; sie war es leibhaftig in ihrer heiligen Gestalt, mit ihrem langen blauen Gewand, ihren nackten Füßen und ihrem wallenden Haar, und in ihrer edlen, weißen jungen Hand hielt sie die Hand des blinden Juden mit dem langen dünnen Bart und der hohen, verklärten Stirn: sah sie da nicht aus wie die „Mater dolorosa“, die die Leiden der Welt an ihrer Hand den Weg zur Ewigkeit führte? Wie sie so im roten Scheine zwischen den Reihen der roten, brennenden Kerzen und der schwarzgekleideten Mönche wie ein personifizierter Liedgesang leise nud langsam dahinschritt, den alten Heiligen an der Hand führend, erinnerte sie noch lebhafter an die heilige Mutter als das allgemein bekannte Bild. Und Schreck erfaßte die Mönche und die Priester; die Herzen der hohen Würdenträger der Kirche schmolzen vor ihr, Angstschweiß trat auf ihren Stirnen hervor. Hier und da sank man in die Knie vor ihr. Die Mönche konnten sich nicht beherrschen, und als sie an ihnen vorbeiging, knieten manche vor ihnen mit den Kerzen in der Hand vor ihr nieder und bekreuzten sich angstvoll. Der Papst selbst aber erhob das silberne Kreuz, das auf seiner Brust hing, über den Kardinälen und Mönchen, sobald er deren erblaßte Gesichter sah, als wollte er den Schrecken verscheuchen, der sie befallen hatte. Allein Jephtha würdigte sie alle keines Blickes. Leise, majestätisch, wie in einem rhythmischen Tanz dahinschreitend, unterbrach sie nicht ihren Gesang, mit dem sie ihren Großvater begleitete. Als beide vor dem päpstlichen Thron anlangten, trat Stille im Tribunalsaal ein. „Wer bist du, alter Mann, und wie heißt du?“ fragte der Papst den blinden Juden. „Mein Name ist Jakob Meduga, und ich stamme von der Familie Abrabanel, die zusammen mit allen Juden aus Spanien, dem Lande ihrer Väter, vertrieben wurde, sich in Kastilien niederließ und sich von dort über die ganze Welt verstreute“, antwortete der Blinde. Im Saal herrschte Stille. Man hörte nur das Knistern der Dochte der brennenden Kerzen und das Kritzeln der langen Gänsekielfedern auf dem knisternden Pergament, auf dem zwei Schreiber vom heiligen Tribunal alle Aussagen des Juden protokollierten „Und wer ist die Donna, die dich begleitet?“ fragte der Papst den Blinden. Der Greis streckte seine Rechte aus, ergriff damti Jephthas Linke und antw ortete mit seinem zahnlosen Munde: „Das ist meine Enkelin Jephtha, die Tochter meines Sohnes Josef Meduga, den Gott als Opfer auserwählte und der in Lissabon von der Inquisition verbrannt wurde zu Ehren des einzigen Gottes, der im Himmel und auf Erden ist, und zur Verherrlichung unseres Glaubens an den einzigen lebenden Gott!" Die Kardinale erblaßten und sahen einander an, aber der Papst sprach weiter: „Alter Mann, die heilige Inquisition klagt dich an, zusammen mit den Rabbinern vermittels der Formeln eurer Zauberbücher, die nur dir und den Rabbinern bekannt sind, den heiligen Geist unserer Jungfrau, der heiligen Mutter Jesu Christi beschworen zu haben, in ihrer eigenen heiligen Gestalt von ihrem himmlischen Thron herabzusteigen, und sie dann in eurem Ghetto in einer Geheimkammer der Synagoge verborgen gehalten zu haben, damit sie euch vor den Christen beschütze. Du hast ferner durch die Macht deines verzauberten Namens den Geist unserer gebenedeiten Frau, der heiligen Mutter Jesu Christi, gezwungen, dich vor der Überschwemmung und vor den Christen beim letzten Karneval zu retten. Und auch jetzt noch zwängst du sie durch die Kraft deines Namens, neben dir zu stehen und dich zu beschützen. Gestehst du deine Sünde, Jude?“ Eine geraume Weile schwieg Rabbi Jakob. Nur seine todblassen Augen starrten hervor, als bemühte er sich, zu sehen. In seinem Herzen aber rang sich ein Gebet, wie bei Sitnson: Gott sollte nur noch dieses einzigemal

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