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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 10 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 43

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
10 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' 43 lierte der Mönch das Kreuz dem schmerzverzerrten Gesicht, damit der Unglückliche es küssen sollte, als Zeichen, daß er sich nunmehr in den Schutz des christlichen Glaubens begab. Allein sobald der gemarterte Jude den Duft des Weihrauches und das Kreuz so dicht vor seinen Augen wahrnahm, war es, als belebte er sich, sein Blick begann zu funkeln, und er wandte sein Gesicht von dem Kreuze ab. Wie ein Wurm sich über den steinernen Fußboden windet, rutschte der soeben vom Rade befreite Märtyrer zu den andern Juden, die im Winkel herumlagen. Sie versuchten, ihm ihre Hände entgegenzustrecken und ihn an sich heranzuziehen, allein ihre Hände versagten schon den Dienst, da ihre Gelenke von den Preßmaschinen zusammengedrückt worden waren. Aber sie fühlten keine Schmerzen mehr. Es schien ihnen, als wären sie von ihren Händen und Füßen, überhaupt von ihrem Körper befreit, als brauchten sie Hände und Füße nicht mehr, da sie ja keinen Körper mehr hatten. Sie sahen nur einander mit geweiteten Augen an, sie näherten sich einander mit ihren Augen, banden sich durch sie aneinander und blickten auch zu ihrem gemarterten Bruder hin, der gleich einem Wurm zu ihnen rutschte und auf seinem Wege den Fußboden mit dem Blute seiner offenen Wunden besudelte. Dieser Bruder aber sah seinerseits zu ihnen herüber, und sie alle verbanden sich zu einem Ganzen. „Ergieß deinen Zorn auf die Völker, die dich nicht kennen. Und auf die Staaten, die deinen Namen nicht an rufen ...“ So beteten sie zu Gott in dem Winkel, ihren sich verbluteten Bruder anblickend, der sich ihnen näherte und sie doch nicht erreichen konnte. „Gott ist ein Gott der Rache. Gott der Rache, erscheine!“ rief der gemarterte Jude aus und blieb ohnmächtig auf dem Fußboden liegen, da er seine Brüder doch nicht erreichen konnte. Und plötzlich war es, als hätten die verschmachtenden Juden wieder Kraft gewonnen, als hätten sie Flügel bekommen, mit denen sie über den Köpfen ihrer Peiniger, der teuflischen Mönche, schwebten, und aus allen Winkeln des Gewölbes, wo die Juden gepeinigt wurden von den Feuerbecken, über denen sie hingen, von den eisernen Kisten, in die ihre Glieder eingeschlossen waren, von den Rädern, von den glühenden Käfigen, von den Preßmaschinen — von überallher erhob sich plötzlich Gesang: „Nicht uns, Gott nicht uns, sondern deinem Namen Gib Ehre um deiner Gnade und Wahrheit! Wozu sollen die Heiden fragen: Wo ist nun ihr Gott? Aber unser Gott ist im Himmel: Er kann schaffen, was er will, Jene Götzen aber sind aus Silber und Gold. Von Menschenhand gemacht: Sie haben Mäuler und reden nicht, Sie haben Augen und sehen nicht, Sie haben Ohren und hören nicht, Sie haben Nasen und riechen nicht, Sie haben Hände und greifen nicht, Füße haben sie und gehen nicht, Und reden nicht durch ihren Hals. Die solche machen, sind gleich also, Und alle, die auf sie hoffen. Aber, Israel, hoffe auf den Herrn, Der ist ihre Hilfe und Schild.“ Es klang wie ein Spottlied, als machten die Gefolterten sich lustig über diesen Gott der anderen und über seine Macht und über ihr ganzes Leben — als hätten sie Mitleid mit ihren Peinigern, die Bildwerken aus Holz und Stein dienten, und lachten über sie. Die maskierten Mönchschergen blieben mit den Spießen in der Hand stehen. Mit ihren teuflischen Werkzeugen sahen sie wie Teufel in einem höllischen Keller aus, und sie erschraken vor den Juden und ihrem Psalmengesang. Sie hörten eine Weile lang auf, ihre Opfer zu martern, und lauschten ängstlich, wie die Gemarterten unter den Folterqualen ihren Lobgesang auf Gott anstimmten ... 15 Der Triumph des Glaubens Als Papst Paul IV. zusammen mit dem Großinquisitor in die Folterkeller der Inquisition trat, klang ihm aus der Kammer der Juden der Gesang entgegen, der sich wie ein Lied von dem Gejammer und dem Geschrei der christlichen Märtyrer abhob. Das Loblied jagte den Priestern und den Inquisitionsteufeln Schrecken ein, sie wußten nicht, was sie tun, und wie sie das Singen der Juden vor dem Papst verbergen sollten. Der Papst aber blieb mit seinen schweren Schritten an der Schwelle der mit einer eisernen Tür verschlossenen Folterkammer stehen und hörte dem Gesang zu, der über die schwere eiserne Treppe des Kellers zu ihm herüberdrang. Mit dem Ausdrucke der Schwermut und wortlos sah er die Kardinäle und die Priester, die ihn begleiteten, an, dann lauschte er, ebenso wortlos, weiter dem Gesang. „Das sind die verdammten Juden, die ihre Teufelssprüche in ihrer verdammten Sprache aufsagen. Es ist ein Zauberspruch, der die Wirkung hat, daß sie keine Schmerzen nach der Tortur fühlen“, versuchte der Großinquisitor den Gesang der Juden zu erklären.

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