Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 10 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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44 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 10 Der Papst warf ihm einen schwermütigen Blick zu, der gleichsam nur mühsam aus den tief eingesunkenen Augen hervorkam. Innerliche Angst hatte ihn vor diesem Triumph des Glaubens überfallen, der sich ihm da offenbarte. Eine Minute lang verzweifelte er an seinen Kräften; dann kamen von seinen Lippen, die sich tief zwischen den dicken Falten seines Gesichtes abzeichneten, die Worte: „Nein, das sind Psalmen, die sie dort singen.“ Alle um den Papst herum schwiegen. Er aber winkte nach der eisernen Tür. Man schloß sie auf. Der Papst blieb an der Schwelle stehen und blickte in die Folterkammer hinein. Zuerst sah er nur das Knäuel der sich verblutenden Körper, die in einer Blutlache in einer Ecke an der steinernen Wand lagen. Dann unterschied er die einzelnen blutigen Körper, die auf dem steinernen Fußboden herumlagen oder zu den anderen rutschten, ohne sie erreichen zu können. Er sah die menschlichen Körper, die aus den eisernen Kisten, aus den von unten geheizten Käfigen, aus den Brech- und Preßmaschinen hervorragten — und die Menschen sangen alle. Keiner würdigte ihn auch nur eines Blickes. Aber die Inquisitionsschergen, die Mönche mit den schwarzen Kopfbedeckungen, die in ihre blutige Arbeit vertieft waren, erschraken, als sie den höchsten Priester an der Schwelle der Folterkammer erblickten, und sanken vor ihm in die Knie, gleich Teufeln, die ihren Obersten sehen. Die Märtyrer ließen sich aber in ihrem Lobgesang auf Gott auch nicht einen Augenblick stören. Sie würdigten keines Blickes den, in dessen Händen das Schicksal ihres Lebens lag und von dessen Wort das Ende ihrer Qualen abhing. Es war ihnen gleichgültig, ob man sie peinigte oder nicht. Sie waren ja nicht mehr in dem blutbesudelten Keller der Inquisition — dort lagen ja nur ihre blutenden Körper, ihre Seelen aber hoben sich zu Gott empor und harrten ungeduldig schmachtend des Augenblicks, da ihnen die Gnade zuteil werden sollte, Gottes Antlitz zu erblicken. Und sie beteten zu Gott: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, So schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, Nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, Daß ich Gottes Angesicht schaue?“ Da begann der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden, der Abgott aller Christen, Seine Heiligkeit Papst Paul IV., an sich und an dem Kruzifix aus Silber, das er in der Hand hielt, zu zweifeln. Er blickte die triumphierenden Juden an und fragte sich: „Welche Kraft hält sie aufrecht? Wer ist ihr Beschützer? Was sehen sie in ihren letzten Augenblicken? Wer gibt ihnen die Kraft, alle Qualen und Schmerzen zu verachten und in den Foltermaschinen Psalmen zu Gott zu singen? Nein, es ist nicht die Macht des Teufels, die ihnen diese Sicherheit, diese Ruhe, dieses Siegesbewußtsein verleiht... Es ist die Macht Gottes...“ Und es schien ihm, als habe der Gott, den er vertrat und der jetzt an seinem roten Samtmantel abgebildet als ein ans Kreuz geschlagener Märtyrer hing, sein Gott, den die Väter dieser Juden da gekreuzigt hatten — es schien ihm plötzlich, als habe dieser Gott keine Macht über sie. Ebenso wie damals, als sie über seinen Körper siegten und er nicht imstande war, ihnen zu widerstehen, so waren sie auch jetzt seiner moralischen und göttlichen Kraft überlegen und er war hilflos ihnen gegenüber... Da loderte im Papst ohnmächtiger Zorn auf. „Aber ich habe ja die Macht, sie zu martern, genau so wie sie ihn gemartert haben“, dachte er. „Ich bin sein Vertreter auf Erden, mich selber haben sie also gepeinigt, mich peinigen sie in jeder Generation, mich verachten sie, aber ich besitze die Macht, ihnen alles mit meinen eisernen Händen, mit dem flammenden Arm der Kirche zu vergelten, ich, der Papst aller Gläubigen, das Haupt der Kirche.“ Und er hob das Kruzifix und drückte es liebevoll und mitleidig an sein Herz, wie man ein mißhandeltes hilfloses Kind, dessen Beschützer man ist, ans Herz drückt; dann küßte er das Kreuz. Er erhob es zu den Schergen der Inquisition, zu den Mönchen in schwarzen Gewändern, und rief ihnen mit lauter Stimme zu: „Diener der Kirche, vollbringet die Tat des Glaubens zum Ruhme der Kirche!“ Und er segnete sie mit dem Kreuz. In einer besonderen Kammer, die mit großen, eisernen Stäben vergittert war und als Gewahrsam für wichtige Religionsverbrecher diente, war der alte blinde Rabbi Jakob mit seiner Enkelin Jephtha eingeschlossen. Der Alte hatte sich sein Leben lang nach einem Märtyrertod gesehnt, der den Kabbalisten und Anhängern Salomon Molchos als besondere Gnade galt, die Gott seinen Auserwählten erweist. (Fortsetzung folgt)