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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 9 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 39

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
9 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 Romanbeilage des „Jüdischen Echos4 39 — hier aber knieten die Menschen nieder, erhoben ihre Hände zum Himmel und sangen Ave Maria. Wie vor einem vom Himmel herniedergefallenen Feuer rückten die Römer von dem Mädchen ab, liefen davon und warfen sich auf die Erde, senkten die Gesichter und streckten die Hände zu der Erscheinung aus. Das jüdische Mädchen aus dem Ghetto aber faßte ihren blinden Großvater wieder an der Hand, führte ihn aus der Menge heraus, vorbei an den knieenden erschrockenen Menschen, die wie stille Wasser zu ihren Füßen lagen, und verschwand mit ihm in den Toren des Ghettos. Dort aber, in den entlegenen Straßen, fragte der eine den andern erstaunt: „Was ist geschehen?“ 13 Die gefangene Gottheit In den obersten Räumen des Vatikans saß Papst Paul IV. in seinem Zimmer, das wie die Klosterzelle eines Einsiedlers aussah und nur vier nackte Wände aufwies. Der Papst saß auf einer harten Bank und blickte ein Bildwerk an, das vor ihm auf einem unbedeckten Tisch stand und den von Schmerzen gepeinigten Jesus darstellte. Das schwermütige, knochige, breite Gesicht des Papstes sah noch schwermütiger und düsterer als gewöhnlich aus. Dicke, schwere Falten lagerten übereinander auf seiner Stirn und verdeckten seine Augen, so daß man sie kaum noch sah; nur sein Mund zog sich breit über das Gesicht und um ihn senkten sich zwei dicke Hautfalten wie zwei Wasserströme. Der Papst schien furchtbar mißgestimmt zu sein, und in der Tat: so düster wie sein Gesicht waren in diesem Augenblick auch sein Gemüt und seine Gedanken. Mit langen, harten, abgearbeiteten Fingern griff der Papst nach dem Kruzifix und betrachtete es. „Wer sind die, von denen du abstammst? Bist du noch mit Leib und Blut mit ihnen verbunden? Hast du denn keine Macht über sie, daß sie es wagen, dich so lange und so hartnäckig abzulehneri? Hat Gott, dein Vater, dich nur zu uns, zu den Knechten hernieder gesandt, sie aber als seine Söhne selbst unter seinen Schutz genommen? Oder haben sie vielleicht durch eine geheime Kraft dich und deine heilige Mutter gefangen? Peinigen sie dich in ihren Synagogen? Durchbohren sie dein Herz und ziehen daraus dein Blut? Halten sie deine heilige Mutter wie mit Ketten an ihre Tempel gebunden, damit sie für sie Wunder tue und sie vor uns rette? ... Schikken sie die Unbefleckte ins Feuer und Wasser? Sag’, sag’, sag’!“ Der Papst stellte das Kruzifix unwirsch auf den Tisch zurück, erhob sich schwerfällig, und seine langsamen Schritte ertönten gleich Hammerschlägen in dem großen, breiten Zimmer. In seiner Phantasie sah er die heilige Mutter von den Juden gefangen. Genau so wie das römische Volk glaubte auch er, daß die Juden durch ein Geheimmittel die Muttergottes mit ihren gotteslästerlichen Büchern beschworen hätten, bei ihnen im Ghetto zu bleiben und ihnen in der Not zu helfen. Er sah förmlich, wie sie, das heilige Herz, die auserwählte Jungfrau, die Mutter des Kindes Jesus, an der Tür einer Synagoge im Judenghetto, mit einer eisernen Kette gefesselt lag. Dort hielten die Juden sie gefangen und peinigten sie und belustigten sich über sie. Jedesmal aber, wenn sie in Gefahr waren, lösten sie ihre Ketten, verkleideten sie als Judenmädchen, ließen sie vor den Christen erscheinen, retteten sich selbst und führten sie dann wieder in ihre Synagoge zurück, legten sie dort von neuem in Ketten und hielten sie in einem geheimen Raum gefangen. Das graue Haar des Papstes borstete sich, die Falten des Gesichtes begannen zu zucken, sich zu senken und zusammenzuziehen, wie die Schuppen einer Schlange. Der Papst war ebenso abergläubisch wie sein Volk und sah das Bild ganz deutlich vor sich. „Warum sollte es für sie unmöglich sein!“ dachte er. „Stehlen sich die Juden denn nicht in unsere Kirchen hinein und nehmen von den Altären das heilige Brot — den Leib Jesu Christi, den Wein — sein Blut, und bringen es in ihre Synagogen, wo sie das Brot, das heilige Herz Christi durchbohren und es so lange stechen, bis sie daraus den letzten Blutstropfen ziehen und dieses in ihre Mazzoth hineinbacken; dann, am Osterabend, essen sie mit ihren Kindern das Herz unseres Heilands und berauschen sich an dem Blute unseres armen Jesus Christus.“ Ein großes Mitleid mit dem armen Gott, den man so mißhandelte, erfaßte den Papst. Er trat auf das Kruzifix zu und nahm es wieder in seine Hand. Er wollte vor ihm niederknien, brachte es aber nicht fertig... Er wollte zu ihm beten, konnte es aber nicht..., das einzige, was er Gott gegenüber fühlte, war grenzenloses Mitleid, Mitleid mit dem, der schon so viel gelitten hatte, den man schon gekreuzigt, dem man Nägel in die Finger geschlagen, dessen Blut die Juden für ihr Osterfest aus

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