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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 9 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 38

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
9 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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38 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 9 lierst. Ich habe auf dich mein bestes Pferd gewettet.“ So rief man den beiden laufenden Juden von allen Seiten zu und munterte sie mit Gelächter und Geschimpfe auf, einander zu überholen. Aber diesmal begnügte sich der Pöbel nicht mehr mit den offiziellen Läufern, die das Ghetto ihm gestellt hatte. Trunken vor Lachen und vor lustiger Aufregung, begann er auch die ehrwürdigen Juden von der Deputation zu hetzen, die am Triumphbogen des Titus stand. Die frommen römischen Juden, die Zusehen mußten, wie ihre „Vorsteher“ die Leute belustigten, hatten vor Schande und Gram die Köpfe zur Erde gesenkt. Damit sie den Bösen nicht ins Gesicht zu blicken brauchten, was vom Gesetz verboten war, hatten sie sich die Augen mit den Händen bedeckt. Aber plötzlich wurden sie von allen Seiten umringt und man hetzte sie mit Geschrei und Lärm, Gelächter und Spott auf: „Juden, lauft, lauft!“ Die Juden blickten sich erschrocken um, zitterten und verstanden nicht, was man von ihnen verlangte, aber von allen Seiten streckten sich ihnen Fäuste entgegen, drohende Ausrufe erschollen und rote betrunkene Augen bedrohten sie. Da und dort schlug man schon mit Stöcken und Kantschus auf ihre Füße, stieß sie und rief: „Juden, lauft! lauft! lauft!“ Eine Anzahl Juden, erschrocken, aufgeregt, nicht wissend, was man von ihnen wollte, begann instinktiv zu laufen. Die Quasten ihrer langen Talissim verwickelten sich zwischen ihre Beine. Ein Teil stürzte nieder, andere verhüllten ihre Gesichter mit den Gebetmänteln und ließen sich schlagen. Nachdem sie ein paar Schritte gelaufen waren, blieben sie plötzlich stehen, blickten ängstlich um sich her und wußten nicht, was sie nun tun sollten. Die Verzweiflung der Juden, die übereinander fielen und sich verwickelten, rief die höchste Ekstase unter den Betrunkenen hervor. Ein Lachen erscholl, wie das Brausen der stürmischen See. Gejohle erhob sich von allen Seiten und wurde immer lauter; immer lebhafter gestikulierten die Leute mit nackten Armen und Fäusten, zwinkerten mit den Augen und riefen: „Juden, lauft! lauft! lauft!“ In der Mitte der Juden stand der blinde Rabbi Jakob. Er begann mit den Händen um sich herumzutasten, wie ein Mensch, der den Boden unter sich wanken fühlt. Aber sein Gesicht drückte keine Angst aus. Ruhig und traurig, wie stets, senkte er nur tiefer seinen Kopf, wobei sein Bart bis zu seinem Gürtel herunterreichte, dann rührte er sich vom Fleck. Schon hatten ihn aber die lustigen Masken erblickt, die die Juden zum Laufen antrieben, und wollten auf ihn zugehen, um auch mit ihm ihren Spaß zu treiben, als plötzlich ein verschleiertes Mädchen sich durch den Kordon der schweizerischen Soldaten schlug, die um den Papst Wache hielten, in die Gruppe der Juden drang, auf den blinden Rabbi Jakob zutrat und ihn an der Hand faßte. Der Blinde erkannte seine Enkelin, zuckte zusammen und beide entfernten sich schnell zu den Leuten, die an den Häusern standen. Allein der angeheiterte Pöbel sah es. Ein paar Leute verständigten sich mit Blicken, liefen auf den Greis zu und versuchten das Mädchen von ihm fortzuziehen. „Sieh nach, wer das ist! Sieh nach, ob es sich lohnt!“ schrie jemand aus der Menge. Darauf riß einer der Vermummten den Schleier von dem Kopf des Mädchens. Und da geschah etwas Unbegreifliches. Sobald der Maskierte das enthüllte Gesicht des Mädchens erblickte, kniete er plötzlich nieder und begann sich zu bekreuzen. Niemand begriff, was geschehen war. Aber dann erblickten die Leute vor dem knienden Mann — sie — die, die dort bei dem blinden Juden stand und mit ihren großen traurigen Augen und lächelnden Lippen mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes und Erbarmens auf die ausgelassene lärmende Menge sah. Schon rief eine Stimme: „Seht, seht, wer dort steht! Das ist ja die heilige Madonna, die Madonna der Liebe! Seht! Seht!“ „Die Madonna vom ,Heiligen Herzen4 hat sich gezeigt.“ „Sie, sie selbst ist es in Fleisch und Blut.“ „0 heilige Mutter, hab’ Erbarmen.“ Es war, als hätte ein göttlicher Schreck die große Menge befallen. Dieser Schreck steckte alle an und flutete über die Menge wie ein Meer rauschender Wellen. Hier und da rissen Menschen die Masken vom Gesicht, die phantastischen Hüte vom Kopfe, die heidnischen Kleider vom Leibe. Und in dem Meer der Vermummten enthüllten sich menschliche Gesichter. Da und dort knieten Menschen nieder und erhoben ihre Hände zu dem Heiligenbilde, das vor ihnen leibhaftig erschienen war. In den weiter abliegenden Straßen wußte man noch nicht, was geschehen war, und dort erschollen nach wie vor die lustigen Karnevalsgesänge, das Lachen des Pöbels, das Geräusch und das Geschrei

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