Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 9 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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40 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 9 seinem Herzen zogen... Er tröstete den Gott, er fuhr mit seiner schweren Hand liebkosend über dessen gemarterten Körper, beruhigte ihn, wie man ein gezüchtigtes Kind beruhigt und redete ihm freundlich, mit weinerlicher Stimme und mitleidig zu: „Wir werden schon Rache für dich nehmen, für alle deine Qualen, mit flammendem Schwert werden wir Rache nehmen!“ Aber zu ihm beten konnte er nicht... Er fühlte sich jetzt mächtiger als sein Gott —■ er konnte seinen Gott rächen. Es war ihm, als sei er, Paul IV., ein Gott, er, der Papst aller Gläubigen, er, der Stellvertreter Christi1! In seiner Hand lag ja die Macht über die ganze Welt. Er allein konnte die Feinde Gottes strafen. Den aber, der dort vor ihm auf dem Tische stand, empfand er nur wie ein mißhandeltes Kind, das die Juden gefangen hielten und quälten. Und er, Paul IV., der Gott, wollte Rache dafür nehmen. Er hatte das Gefühl, vor sich selbst knien, zu sich selbst beten, sich selbst preisen zu müssen, denn er hatte keinen andern Gott mehr. Der Papst zog die Glocke und hieß den Kardinal Michel Ghislieri, den Großinquisitor des Heiligen Vaters, rufen. Als der Kardinal in seinem roten Hut und scharlachroten Mantel eintrat, fragte der Papst: „Haben die Leute gestanden?“ Der Inquisitor schwieg eine Minute, dann sagte er: „Bis jetzt noch nicht.“ „Was hast du denn mit ihnen getan?“ „Die Greise hielt ich dreimal unters Rad. Aber die Ärzte sagen mir, man dürfe es nicht zum vierten Male tun, sie würden es nicht überstehen.“ „Hüte ihr Leben“, sagte der Papst. „Die Kirche tötet nicht insgeheim in den Foltergewölben. Die Kirche tötet öffentlich. Und was hast du mit den jungen Leuten gemacht?“ fragte er weiter. „Zwei habe ich unter den Wasserfall gestellt. Der eine ist wahnsinnig geworden. Der Zweite wird weiter gefoltert.“ „Hat niemand von ihnen gestanden?“ „Bis jetzt niemand.“ „Und niemand hat sich bereit erklärt, zu unserm. Glauben überzutreten?“ „Sie sind sehr hartnäckig.“ „Wir müssen aber jemand von ihnen für uns gewinnen — die Kirche muß ihren Sieg haben. Und was habt ihr mit ihr gemacht?“ „Wie du befohlen hast, Heiliger Vater. Wir wagen nicht, sie anzurühren. Sie jagt den Leuten noch Furcht ein durch ihre Ähnlichkeit mit der heiligen Mutter, und die Mönche haben Angst, sich ihr zu nähern.“ „Beobachtet man sie?“ „Sie sitzt neben ihrem blinden Großvater, und die beiden haben die ganze Nacht Psalmen in ihrer verdammten Sprache gesungen.“ „Hat man versucht, den Alten von ihr zu trennen?“ „Wir haben es versucht, aber als die Mönche mit Masken vor den Gesichtern in ihre Zelle drangen und den blinden Greis abführen wollten, stellt sie sich vor ihn hin und blickte die Mönche mit ihren Augen an. Da erkannten die Mönche in ihr das Gesicht der heiligen Mutter, fielen vor ihr auf die Knie und bekreuzten sich.“' „Hat keiner der Mönche den Mut gehabt, den Befehl der Kirche auszuführen?“ „Das Volk hält sie für die heilige Mutter, und glaubt, daß die Juden sie durch ihre Zauberbücher beschworen haben, bei ihnen im Ghetto zu wohnen, um sie vor uns zu retten.“ Der Papst schwieg eine Weile, dann blickte er den Großinquisitor an und sagte: „Und du selbst glaubst wohl auch, sie sei die heilige Mutter?“ Der Kardinal schwieg. „Warum antwortest du nicht?“ „Ihr Gesicht ist dem Gesicht unserer lieben Frau, der gebenedeiten Mutter des Heilandes, sehr ähnlich.“ „Und die Juden haben sie gefangen?“ „Die Juden wissen sie mit ihren heidnischen Büchern zu beschwören, ebenso wie sie durch ein Geheimmittel den Kardinal Madruzzi beschworen haben, entgegen deinem Verbote für sie ihre Bücher zu drucken.“ „Druckt denn Kardinal Madruzzi jüdische Bücher?“ „In Riva di Trento hat er für sie eine Drukkerei gegründet und ihr verdammtes Buch, die Mischnah, die du befohlen hast zu verbrennen, zweimal für sie gedruckt.“ „Verbrennen! Kein jüdisches Buch soll sich auf italienischem Boden befinden. Den Kardinal aber auf die Anathema-Liste setzen! Nun aber führe mich zu ihr! Wenn sie wirklich die heilige Mutter, unsere liebe Frau ist, die von den Juden durch ihre verdammten Bücher gefangen gehalten wird, so muß ein Christ sie von ihnen befreien.“ „Heiliger Vater, willst du persönlich in die Inquisitionskeller? In die Folterkammern?“ (Fortsetzung folgt)