Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 9 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN VON SCHALOM ASCH (Copyright by R. Löwit, Wien, Leipzig) 9. Fortsetzung Menschen gingen Wetten ein, setzten ihr ganzes Vermögen und ihre Freiheit auf die Läufer, und kaum hatte einer der Knaben das Ziel erreicht, als Geschrei, Lärm, Händeklatschen erscholl und ein Schwenken mit den Hüten, Masken und Schleiern einsetzte. Man führte, wie einst bei den olympischen Spielen, den Sieger im Triumph durch die Straßen Roms und schmückte ihn mit einem Lorbeerkranz. Damen küßten ihn, Kurtisanen warfen ihm von ihren Tragstühlen rote Blumen zu, manche schickten ihm Liebesbriefchen, andere aber — den Schlüssel ihres Schlafgemachs ... Der Wettlauf der Knaben steigerte erst recht die Schaugier und die Aufregung der Römer. Dann folgte der Wettlauf der Kinder, der Affen, und als Abschluß stand die größte Belustigung, die der Karneval den Christusgläubigen bot — der Wettlauf der Juden bevor. Es war von jeher Brauch, daß die Juden bei jedem Karnevalsfest ihre Wettläufer stellen mußten. Nicht des Sportes wegen, sondern zum Spott und zur Belustigung. Zu diesem Zweck wählte man gerade die ältesten und schwerfälligsten Leute, Juden mit schiefen Beinen und dicken Leibern, mit ungelenken Bewegungen, um mit ihren drolligen Gestalten den nach Belustigung lechzenden Pöbel zu erheitern. Die Judengemeinde Roms hatte bereits zwei Läufer vorbereitet, die sich auf das bevorstehende Schauspiel spezialisiert hatten. Diese Juden hatten die Mission auf sich genommen, die Christen zu belustigen. Man pflegte sie übrigens auch bei der Strafpredigt in der Synagoge aufzurufen. Es waren das die beiden Narren des Ghettos, Chajim AdonPund Mordechai Alfi, unsere beiden bekannten Spaßmacher, die in die Kirche als Vertreter der jüdischen Gemeinde gingen und sich die Zwangspredigt mit verstopften Ohren anhörten. Ebenso wie die Christen Narren zur Belustigung brauchten, so brauchten auch die Juden Narren, die sie bei Hochzeiten und festlichen Mahlzeiten zu unterhalten hatten. Die beiden Narren pflegten in reichen jüdischen Häusern verschiedene Stücke zu spielen; gelegentlich vermummten sie sich und führten Totentänze auf. Am Feste der Gesetzesfreude und am Purimfeste belustigten sie die Gemeinde mit ihren Späßen, und die Gemeinde zahlte ihnen einen jährlichen Lohn, damit sie sich auch am Karnevalswettlauf beteiligten. Diese beiden Männer waren nun von ihrer Rolle so hingerissen, daß sie, sobald es zum zum Wettlauf kam, nur daran dachten, einander zu überholen, um das Spiel zu gewinnen. Sie pflegten sich zu diesem Zweck vorzubereiten, und der erfolgreichere spielte sich hernach als Sieger auf, genau so, als wäre er ein richtiger Wettläufer. Rom pflegte sie mit Ungeduld zu erwarten. Kaum hatte man sie nun auf der Via Appia bemerkt, wie sie mit ihren krummen Beinen, Fratzen schneidend und schwer atmend liefen, als sich in der Menge der Zuschauer wie ein Lauffeuer eine ausgelassene Fleiterkeit verbreitete; und das Meer der menschlichen Köpfe und der vermummten Gesichter erbrauste in unbezähmbarem Lachen. „He, Jude, flinker, flinker! — nimm deine glitschigen Füße etwas in die Höhe!“ „Guck’ mal, wie der sich schaukelt! Als ob ihn das Fieber schüttelt!“ „Und der hat einen Schwanz hinten, ich habe es selber gesehen! Genau wie der Teufel! Sieh mal den behaarten Schwanz, wie bei meinem Pudel, ha, ha, ha!“ „Ich wette meinen Garten, mein Pferd, meinen Panzer, daß er den Roten überholt. Er springt ja wie ein Affe. Seht doch!“ , Jude, ich schneide deiner schwangeren Frau die Eingeweide heraus und nähe ihr eine Katze in den Leib, wenn du die Wette ver- Alle neoliziiireieieii Anomien erhalten auf Wunsch die bisher erschienenen Teile des Romans kostenlos V" 290793