Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 9 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 35 jedermann verrichtete ein Gebet in seinem Herzen: „Gott erbarme sich unser und beschütze uns in den Tagen des Karnevals. Rom ist ohne Gott ...“ Nur ein Keller war beleuchtet — das Gewölbe von Josef Pinsi. Dort waren am Kar-, nevalsabend die Notabein des jüdischen Rom wieder versammelt. Es war der einzige Ort im römischen Ghetto, wo man sich gleichfalls zum Karneval vorbereitete. Auf dem Tisch häuften sich Goldmünzen, Geschmeide aus Gold und Silber und Juwelen aus aller Herren Länder, die die Juden nach dem Keller Josef Pinsis gebracht hatten. Auf dem steinernen Fußboden lagen teure Seidenstoffe, bestickter Doppeldamast, Tapeten und orientalische Teppiche, Stücke Samt, Brautaussteuern und Erbstücke von Urahnen, die man aus allen jüdischen Häusern zusammengebracht hatte. Das Gold und die kostbaren Stoffe stellten die Kontribution dar, die die Juden zum Karneval beisteuern mußten. Weil Judas Jesus Christus für dreißig Silberlinge verkauft hatte, mußten die römischen Juden jahraus jahrein elfhündertunddreißig Goldflorins in Gold und Juwelen als Judasgeld entrichten. Die jüdischen Mädchen mußten den Triumphbogen von Titus mit kostbaren Teppichen und teuren Samt- und Seidenstoffen zu Ehren des Karnevalsfestes dekorieren, während eine Deputation von Rabbinern und alten Juden mit Thorarollen in der Hand auf den Papst zu warten hatte, der auf einem weißen Roß an der Spitze der Karnevalsprozession reiten würde. Traurig und wortlos trugen die Juden die Goldflorins, die Juwelen und das Gold, also das Judasgeld, herbei, das sie zum Karneval beisteuern mußten; manche glätteten die teuren Teppiche und die Stoffe, mit denen die jüdischen Mädchen am nächsten Morgen den Triumphbogen des Titus schmücken sollten, jenes Helden, der die Freiheit der Juden vernichtet, ihr Land zerstört und ihren Tempel verbrannt hate. Nicht ein Wort wurde laut. Man hörte nichts als das Klingen der Goldmünzen, die im kargen Lichte der Öllampe, die auf dem Tisch brannte, erglänzten. Nur ab und zu drang von den Karnevalsstraßen das geräuschvolle Treiben der Betrunkenen in den Keller herein, das sich wie das Tosen eines stürmischen Meeres anhörte, und die Fenster des Kellers wurden von Zeit zu Zeit von dem grellen Lichte erleuchtet, das von den Raketen und Scheinwerfern herstammte, die wie Donner und Blitz in das finstere Ghetto hineinkrachten. Da sah ein Jude den andern mit erblaßtem Gesicht an, und alle hatten nur einen und denselben Gedanken: „Rom ist ohne Gott.“ In einem Winkel des Kellergewölbes aber saßen unterdessen die „Läufer“ und schmierten sich die Beine mit Öl und Salben ein für den Wettlauf, der ihnen am nächsten Tage bevorstand. Es waren Chajim Adoni und Mordechai Alfi, die beiden Narren des Ghettos, die die römische Judengemeinde alljährlich mietete, damit sie sich am Wettlauf beteiligten, an dem die Juden, zur Belustigung der Römer, bei jedem Karnevalsfest teilnehmen mußten. Von der Via Appia stieg eine auffällige Prozession hinab. Es war, als ergösse sich ein brausender, blutrot gefärbter Fluß in die Straße. Man sah von weitem nur einen schwankenden Nebelrauch über die Köpfe der Menge steigen. Durch den Rauch schlugen Blitzraketen und warfen Regenbogen über den Himmel. Der ganze Raum über der Prozession war voller sprühender Funken, und je näher sie kam, desto greller schien das Licht durch den Nebel hindurch. Dann traten aus dem Rauch vier zappelnde Pferde hervor, deren Köpfe mit wallenden farbigen Federn geschmückt, und die mit kostbarem Seidenzeug bedeckt und an einen römischen Triumphwagen gespannt waren. An den vier Ecken des Wagens, die die vier Enden der Welt symbolisierten, standen vier Herolde und verkündeten aus großen silbernen Trompeten, daß die große Karnevalsprozession begonnen habe, worauf sich die Menge in Bewegung setzte. Gemäß einer Vorschrift des Hauptastronomen, der den Lauf der Sterne genau beobachtete und dem Papste Voraussagen machte, nach denen er sich bei jedem Beginnen richtete, begann das Karnevalsfest mit dem Symbol der Erde und ihrer vier Elemente, die durch vier lebende Menschen dargestellt wurden, die vermittels geheimer Mechanismen über der Erde flogen. Es folgten Gruppen, die Szenen aus dem Alten und dem Neuen Testament darstellten, und zwar nur solche, die an Fröhlichkeit und Lebenslust gemahnten; etwa Abigail, wie er ein mit allen Reichtümern des Orients beladenes Kamel zu David führt, oder Lot mit seinen Töchtern. Darauf kamen lange Gruppen, die Szenen aus der griechischen Mythologie vorführten. Man sah Paris mit den drei Göttinnen. Auch die schöne Helena fehlte nicht, um derentwillen Könige und Völker gegeneinander kämpften.