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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 9 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 36

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
9 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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36 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 9 Szenen aus der Odyssee und der Ilias, Gruppen, die den Berg Olymp mit allen Göttern und allen Göttinnen darstellten. Auch Darstellungen politischen Charakters waren zu sehen, die beispielsweise die seitens des türkischen Sultans dem christlichen Glauben drohende Gefahr symbolisierten. Andere verspotteten die Reformatoren und die Protestanten und stellten Luther mit sieben Satansköpfen dar, oder führten vor, wie die Protestanten sich in der Hölle prügeln. Dann folgten Engel und Teufel, Zauberinnen und W ahrsagerinnen, griechische Priesterinnen und Götzendiener. Alles das tanzte und sang und spielte im Farbenreichtum der Kleider und der Masken. Aus diesem lebenden Farbenmeer erhob sich plötzlich über den Köpfen der Menge ein mit kostbaren Stoffen reich dekorierter Tragstuhl, in dem sich Papst Paul IV. wiegte. Er war ganz in Scharlachrot gekleidet; mit seinen erloschenen wässerigen Augen blickte er um sich herum; sein weißer Bart zitterte über dem rotleuchtenden Mantel. Dem Papst folgten Kardinäle und hohe kirchliche Würdenträger. In weiße Gewänder gehüllte Priester hielten goldene Leuchter in den Händen; rote Wachskerzen brannten und beleuchteten Seine Heiligkeit, den Vertreter Jesu Christi auf Erden, der sich in dem Karnevalszug befand ... Am Eingang zum Ghetto, am Triumphbogen des Titus, hatte aber unterdessen die jüdische Deputation in Erwartung Seiner Heiligkeit Aufstellung genommen. Der Triumphbogen des Zerstörers von Israel war mit den prächtigsten Tapeten, Teppichen, Seidenschals und goldenen Stickereien geschmückt, die aus jüdischen Häusern zusammengebracht waren. Die jüdischen Mädchen hatten den Bogen dekoriert. In weiße Gewänder und Talissim gehüllt, standen da die ältesten und ehrwürdigsten Männer des Ghettos. Der alte blinde Rabbi Mordechai hielt die Thorarolle, mit der die Juden bei jedem Karnevalsfest dem Papste Ehre erwiesen. Auf einem mit kostbaren Geweben bedeckten Tisch lag in Seidenbeutel gewickelt das Judasgeld — die elfhundertunddreißig Goldflorins. Etwas weiter standen die jüdischen Mädchen mit teuren Seidenstoffen und den Blumen, die sie vor dem Tragstuhl des Papstes ausstreuen mußten, wenn dieser sich der jüdischen Deputation näherte. Bald blieb der Karnevalszug stehen. Der Papst hatte den Triumphbogen des Titus erreicht, der die Grenze bezeichnete, an der der Zug zum Stillstand kommen und sich auflösen sollte. Der Papst betrachtete von seinem Tragstuhl aus die jüdische Deputation, die, wie alljährlich, vor dem Triumphbogen mit der Thorarolle und den Goldmünzen dastand. Zuerst wandte er seinen Kopf von den alten Juden ab, und es sah aus, als wollte er sie nicht sehen. Aber als die jüdischen Mädchen die kostbaren Teppiche vor seinem Tragstuhl auszubreiten begannen, näherten sich die päpstlichen Träger und Begleiter, laut der hergebrachten Karnevalsregel, der jüdischen Deputation. Der blinde Rabbi Jakob streckte dem Papste die Thorarolle entgegen, und die greisen Rabbiner sprachen den Segen. Darauf streckte der Papst, derri Brauche gemäß, aus dem Tragstuhl seinen mit Samt bekleideten Fuß, stellte ihn auf den Kopf des blinden Rabbi Jakob und sagte den wohlbekannten Spruch: „Wir lieben euch nicht, aber wir dulden euch, weil Gott uns befohlen hat, unsere Feinde zu dulden.“ Damit war die Zeremonie der Entgegennahme des Judasgeldes beendet. Gleich darauf löste sich die ganze Prozession auf, und alles lief bunt durcheinander. Verschiedene Kostüme Masken, Gruppen, alles, alles häufte sich zusammen und vermischte sich. Phantastisch gekleidete päpstliche Soldaten trieben die Leute in den grellgefärbten Kostümen von der Via Appia, drängten sie-nach den Trottoiren an die Häuser heran und räumten den Platz für die Wettläufer. Denn damit schloß jede Karnevalsprozession. Der Papst setzte sich auf seinen scharlachroten Thron, der am Ende der Straße gegenüber dem Triumphbogen des Titus aufgestellt war. Um ihn herum setzten sich seine Begleiter, und von dieser Stelle aus nahm der Wettlauf seinen Ausgang. Zuerst liefen römische Knaben, wie einst zur Zeit der römischen Weltherrschaft. Auch jetzt, in Gegenwart des Stellvertreters Christi, waren sie halbnackt. In kurzen Seidenhemden mit Kränzen auf den Köpfen liefen sie über die Via Appia. Ganz Rom blickte auf sie und munterte sie mit seinem Übermut und seiner Vergnügungssucht auf. Alle Augen glänzten, alle Gesichter waren erhitzt und glühten vor Aufregung. Ein Kopf reckte sich über den andern. Damen winkten den Wettläufern mit gestickten Tüchern, Schleiern und Fächern von den reich dekorierten Balkons und den mit Blumentöpfen geschmückten Fenstern aus zu. (Fortsetzung folgt)

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