Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 9 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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n 34 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 9 Die christlichen Heiligenbilder waren in römische Togen gehüllt, mit Ölblättern bekränzt und auf römische Triumphwagen gesetzt worden, vor die man je vier feurige Pferde gespannt hatte. Es schien, als seien die Zeitalter ausgewechselt, als hätten Epochen und Perioden ihre Plätze getauscht. Rom warf das harte Joch ab, das man ihm im Namen des Nazareners aufgebürdet hatte ... Die Römer machten sich von den Kirchengesetzen frei und wurden wieder das, was sie stets im Herzen gewesen waren — nämlich Diener des alten Pan. Die Stadt war wieder heidnisch geworden, und die Kirche zahlte während der Karnevalszeit ihren Tribut an das alte, vorchristliche Rom. Es war ein Protest, den Rom herausschrie gegen den traurigen, fremden Gott, den ihm die Kirche mit Feuer und Schwert aufgezwungen hatte. Rom hatte sich immer nach den Göttern seiner Ahnen gesehnt; nach den in Sonne und Licht badenden Göttern der alten guten Zeit. So standen also in den Karnevalstagen die alten Götter wieder auf aus ihren in Staub und Erde vergessenen Tempeln; sie traten in die römischen Kirchen hinein, vertrieben den Nazarener mit seinen blutenden Wunden, setzten sich auf seinen Stuhl, und wieder einmal diente der Mensch dem einzigen lebenden Gott, den er wirklich kannte — sich selbst... Wochenlang bereitete man sich auf den Karneval vor. Menschen in Masken, als alte Römer in Togen gehüllt, trieben sich auf den Straßen umher. Berühmte Persönlichkeiten der römischen Geschichte, Cäsaren und Imperatoren, gingen durch die. Schenken und betranken sich ... Perser und Türken schleppten Warenlasten durch die Straßen. Manche hatten sich als wilde Indianer verkleidet, die Kolumbus entdeckt hatte und die damals in der Welt bekannt zu werden begannen. Die phantastischen Indianerkostüme von roter Farbe und mit Federputz wurden seither während der Karnevalsfeste eine sehr häufige Erscheinung. Diese Indianer rauchten Tabak — denn bald nach der Entdeckung ihrer Vorbilder hatte sich die Angewohnheit des Rauchens in der ganzen Welt zu verbreiten begonnen — und mischten sich unter die römischen Senatoren in dem bunten Straßentreiben. Die Frauen, als griechische Göttinnen, als Priesterinnen der Feuertempel, als Vestalinnen und Sibyllen verkleidet, gingen untergefaßt mit betrunkenen Bacchen, auf deren Köpfen rote Rosenkränze tanzten. In den Seitenstraßen aber führten unterdessen Faune und Waldfeen die jungen Tempelmädchen in Lusthäuser und öffentliche Bäder ... Lustknaben in kurzen Seidenhemdchen mit entblößten Armen und Beinen begleiteten ihre alternden Freunde, griechische Philosophen mit kahlen Köpfen und gekräuseltem Barthaar diskutierten auf den öffentlichen Marktplätzen Roms über Eros ... Dieses ganze Treiben wurde in der Nacht durch ein phantastisches Feuerwerk beleuchtet, das sich in allen Regenbogenfarben über die dekorierten Häuser und Denkmäler ergoß. Knechte trugen den Maskierten Fackeln nach, die sie mit weichem Licht beleuchteten, das sich wie Rotwein über sie ergoß. Gruppen lustiger, vermummter Menschen beleuchteten ihren Weg mit phantastischen venezianischen Pergamenten und Laternen, bei deren Lichte sie sich wie mystische Schattenbilder ausnahmen. Sie tanzten wie Schatten in den Straßen herum und verschwanden in den Seitengassen, aus denen ihnen dann, wie ein entferntes Echo, leise, leidenschaftliche Gesänge nachhallten. Sie hinterließen einen Geruch aufreizender Parfüms. Die Straßen Roms hüllten sich in schwebende Duftwölkchen, die mit den hohen Flammen der Fackeln den Masken nachzogen. Aus dem Innern der Weinschenken ergoß sich grelles Licht und verflocht sich mit dem rohen Gesang der Betrunkenen und dem pikanten Geruch der gewürzten Speisen und des sauren Weins, die sich ihrerseits mit den Parfüms vermischten, genau so wie die Lichter der weichen venezianischen Laternen mit dem grellen Schein der beleuchteten Weinschenken und Lusthäuser. Alles schien durcheinander zu geraten: Menschen und Häuser, Jod und Leben; alles bewegte sich wie ein erstarrtes Meer in einem schwimmenden, leuchtenden Nebel ... Von allen Stadtteilen Roms war nur eines nicht von dem phantastischen Licht übergossen und lag in Finsternis. Dunkelheit und Nacht lasteten schwer und tief auf dem jüdischen Ghetto. Die Lichter in den Fenstern waren erloschen. Die Juden, die mit Weib und Kind sich in die Winkel ihrer Häuser verkrochen hatten, vernahmen nur ab und zu aus der Ferne das geräuschvolle Treiben, das zu ihnen über die hohen Mauern ihres Stadtteils hereindrang. Die Scheinwerfer schleuderten ihr Licht über das Ghetto und streiften nur mitunter die stummen, erschrokkenen Häuser. So oft aber das tosende Geräusch draußen vor dem Ghetto sich hören ließ, schauderten die Ghettoeinwohner zusammen. Einer sah den andern ängstlich an;