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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 8 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 31

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
8 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 31 (sequence 3)
Language
German
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Vr.8 Romanbeilage des „Jüdischen Echos4* 31 bendigen Wellen, durch die perimutter artig glänzende Haut hindurchzupulsieren. Der Leib hatte eine rosige Farbe, die Leben atmete. Das Bild der neuen Madonna wurde in ganz Rom und Italien in mehr Exemplaren verbreitet als irgendein anderes Heiligenbild. Die Männer ersetzten das nichtssagende Kreuz auf ihrer Brust durch das Bild der Madonna, das sie in der Nacht mit glühender Liebe ans Herz drückten... Bischöfe, Kardinäle und andere Geistliche faßten das Bild in Edelsteine und ließen es in ihre Kreuze einsetzen. Und jedesmal, wenn sie das Kreuz küßten, küßten sie zugleich mit innigst glühender Leidenschaft die Madonna... Die Männer schenkten ihr Geschmeide wie einer gefeierten Geliebten. Die reichsten Männer Roms und Italiens wetteiferten miteinander um die Gnade der „Madonna der Liebe“, als hätte es sich um die Liebe einer berühm- Kurtisane gehandelt. Einer suchte den andern zu überflügeln, indem er der Madonna teurere und auserlesenere Geschenke darbrachte. Der Lieblingsschmuck der Madonna waren — so behaupteten die Nonnen des Klosters „Zum Heiligen Herzen“ — Perlen, so groß und leuchtend wie die Tränen, die über ihre schönen Wangen flössen. Darum begaben sich viele in das Ghetto und kauften dort bei den Juden die teuersten Perlen, die nur zu haben waren. Männer stahlen ihren Frauen Perlen. Verliebte Leute hielten ihre den römischen Kurtisanen gegebenen Versprechen nicht, trugen ihre erlesenen Perlen nach dem Kloster zum „Heiligen Herzen“ und behingen die Madonna der Liebe mit Perlenschnüren. Schließlich war der nackte Körper der Göttin ganz mit Perlen bedeckt, die wie große erstarrte Tränentropfen funkelten. Durch die Perlen aber schimmerte die rosige Haut der Heiligen Jungfrau hindurch. Es war, als sei ihr Rosenblättern gleichender Leib von einem Tau glitzernder Perlentropfen überhaucht... Es kam so weit, daß die Madonna die Eifersucht von Ehefrauen und Kurtisanen, Geliebten und Bräuten erweckte, als wäre sie ein lebendiges Wesen, das ihnen ihre Männer, ihre Verlobten und Liebhaber abspenstig machte. Die römischen Frauen, die mit ihrer Madonna ganz familiär verkehrten, gaben ihr den Namen „Die heilige Zuchtlose“, und mehr als einmal stürzte eine eifersüchtige römische Mätresse ins Kloster hinein und hielt der Heiligen drohend eine geballte Faust vors Gesicht: „Du Gottesdirne! Ich werde dir die Augen auskratzen, das Haar ausraufen! Warum nimmst du mir meinen Geliebten? Hast du denn nicht genug an deinem himmlischen Liebhaber, daß du auch unsere Männer verführen willst?“... In derselben Zeit, da sich das alles ereignete, befahl Papst Paul IV. den Juden Roms, als Dankesgabe für Gott, der sie vor dem Tode des Ertrinkens im Ghetto gerettet habe, drei Perlenschnüre zu liefern, von denen jede dreihundert Perlen enthalten sollte von derselben Größe wie das Auge der Madonna: jede Perle mußte untadelig, voll und rund sein und in den Farben des Regenbogens schillern, der sich zum erstenmal Noah zeigte, als Gott ihn vor der Sintflut rettete. Diese Perlenschnüre aber sollten der neuen „Madonna der Liebe“ im Kloster zum „Heiligen Herzen“ dargebracht werden, denn die Madonna war ja zuerst, nach der Behauptung des Volkes, im Ghetto erschienen und hatte dort die Juden vor der Überschwemmung gerettet. Als die Juden Roms diesen Befehl des Papstes erhielten, wußten sie anfangs nicht, was sie tun sollten. Es war ihnen nicht so sehr um die Perlen, als um etwas weit Wichtigeres zu tun. Sie waren sich nämlich nicht im klaren, ob sie sich durch das Darbringen der Perlen nicht des Götzendienstes schuldig machen würden, dem man dann natürlich das Glaubensmartyrium vorziehen mußte. Nun befand sich aber in Rom zu jener Zeit, da Paul IV., wie bereits erwähnt, die jüdischen Bücher verboten hatte, weder ein Exemplar des Talmuds, noch ein Werk des Maimonides, noch überhaupt ein jüdisches Buch mit Ausnahme des Sohar, der allein gedruckt werden durfte, weil nach der Behauptung getaufter Priester der Sohar ein christliches Buch war und Anspielungen auf die heilige Dreifaltigkeit enthielt. Rabbi Jakob berief die Mitglieder der kastilischen Gemeinde zu eiaer Versammlung ins Kellergewölbe Rabbi Josef Pinsis. Dorthin kamen aber auch die Vorsteher anderer Gemeinden, die damals in Rom ansässig waren, um zu beraten, was zu tun und welche Antwort dem Papste zu geben sei. Diese große Versammlung der römischen Vorsteher der jüdischen Gemeinden fand in der Nacht zu Hoschana Rabba statt. In dem uns bekannten Kellergewölbe waren die Wachskerzen angezündet. Zugegen waren nur Auserwählte, die Ältesten und die Vorsteher — Juden mit hohen Stirnen, die Spuren der in allen Ländern erlittenen Verfolgungen trugen; mit Augen, in denen die Flamme des Glaubens brannte, stärker als die

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