Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 8 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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30 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 8 Psalmen her, damit Gott sie beschützen möchte ... Das geheime Gebet an den großen kirchlichen Feiertagen in den verborgenen Kellern wurde gleichsam den Prozessionen der Christen zum Trotze verrichtet und gerade dann, wenn die Gojim ihre Heiligen in Pracht und Glanz durch die Straßen Roms trugen — gleichsam um den Himmel durch jüdische Gebete zu versöhnen. An diesem Tage aber hatte das geräuschvolle Kirchengeläut, das von frühmorgens an jenseits der Ghettotore erklang, die Juden noch mehr als gewöhnlich erschreckt. Denn sie wußten nicht, was dieses Geläut bedeuten sollte, was für ein Feiertag es diesmal war. Man nahm aber an, daß auf den Straßen Roms Juden oder jüdische Bücher verbrannt würden, und daß die Glocken deswegen erklängen. Und in dem kaum beleuchteten Keller von Josef Pinsi sagten die Juden mit gebrochenen Herzen und bebenden Lippen ihre Psalmen her für die Seelen der Märtyrer, die da ihr Leben lassen mußten. Unter den Betenden befand sich auch der alte Blinde von den kastilischen Flüchtlingen, der sich dem Geschlecht der Abrabanels zuzählte, und seine Enkelin Jephtha. Sie waren aus der Kirche zum „Heiligen Herzen“, in der Pastila gearbeitet hatte, nach dem Ghetto zurückgekehrt, da die Gefahr für die von der Inquisition gesuchten jüdischen Mädchen etwas geringer geworden war, und da sie überdies auch keinen anderen Ort hatten, wohin sie sonst gehen konnten, seitdem in jener Kirche nicht mehr gearbeitet wurde; und auch sie wußten ebensowenig wie die anderen Juden, warum die Glocken so laut klangen. Auch das jüdische Mädchen bebte ebenso ängstlich wie die andern Juden vor den furchterregenden Klängen und betete mit zitternden Lippen zu Gott, er möge sie mit allen ihres Stammes an diesem schrecklichen Festtage beschützen. Sie wußte nicht, daß die Kirchenfeier ihr zu Ehren begangen wurde; daß die sie ängstigenden Kirchenglocken ihretwegen läuteten, daß die Machthaber Roms zu dieser Stunde vor ihr knieten, daß der römische Pöbel ihren von seinen Hüllen befreiten Leib anbetete ... II Die Perle der Madonna Der Ruhm des neuen Madonnenbildes, das in dem Kloster „Zum Heiligen Herzen“ eingeweiht worden war, verbreitete sich in ganz Rom und darüber hinaus in ganz Italien. Über das Bild gingen Legenden im Volke um: man glaubte, daß unter dem Fleische, dem Haar und den Augen auf der Leinwand sich wirkliches Leben verbarg. Die Nonnen des Klosters erzählten, das Bild weine in den Nächten und seine Tränen ergössen sich über die Erdkugel. Die Nonnen stickten Seidentücher, mit denen sie jeden Morgen der Madonna die Tränen aus den Augen wischten ... Sie zeigten an der Erdkugel die Stellen, wo die Tränen Flecke hinterlassen hatten ... Das Volk wollte indessen die Madonna nicht weinend, sQndern vielmehr in ihrer jugendlichen Pracht sehen. Sie gaben ihr den Namen „Madonna der Liebe“ und glaubten, sie sei auf die Erde herniedergekommen, um die abgestorbene Liebe wieder in die Herzen der Menschen zu pflanzen. Die Leute schrieben ihr die Kraft zu, in jedermanns Herz die erloschenen Flammen dieses Gefühls wieder anzufachen und den Menschen Jugend und Frische zurückzugeben. Haufen liebeshungriger Männer und Frauen belagerten die Tore des Klosters, knieten vor der Madonna nieder und beteten zu ihr, sie möchte ihre erloschenen Herzen wieder verjüngen und den in ihnen versiegelten Quell von Leben und Lust neu ersprießen lassen. Sie bettelten noch um einen Tag, noch um eine Stunde der Wonne und brachten der Madonna, um ihre Bitten wirksamer zu machen, verschiedene aus ihren Ersparnissen gekaufte Geschenke mit. Es kamen zu der Madonna vom Leben verbrauchte Männer, verängstigte Frauen, keusche alte Jungfrauen, vernarrte Burschen und verliebte Mädchen; mit glühendem Liebesdurst suchten sie Rettung bei der Heiligen, behingen sie mit dem Besten und Teuersten, was sie in ihren Familienschmuckkästen gefunden, brachten ihr teuere Brokatstoffe, Damast und kostbar gesticktes Seidenzeug dar. Jeder Gegenstand wurde ihr liebevoll dargebracht. Wiederholt fanden die Nonnen auf dem Altar unter dem Heiligenbild Puderkästchen, rote Lippenpomade, Salben und andere weibliche Schönheitsmittel, die die römischen Kurtisanen der heiligen Jungfrau von ihren teuersten Toilettengeheimnissen brachten, damit sie die Tränen, die allnächtlich aus ihren Augen flössen, wegwischen und ihr schönes Gesicht wieder erfrischen könnte. Allein die Hauptanbeter der Madonna waren die Männer Roms. Angehörige aller Stände, Arme und Reiche, erkoren sie sich als Beschützerin und Fürsprecherin. Sie kamen zu ihr und vertrauten sich ihr an. Tagelang sah man vor dem Bilde kniende Männer, deren schmachtende Augen sich in die nackte rosige Haut der Madonna einbohrten. Das Blut des jungfräulichen Körpers schien, gleich le-