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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 8 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 32

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
8 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 32 (sequence 4)
Language
German
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32 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 8 Flammen des Todes; mit Bärten, die vor ausgestandenem Leid weißer und reiner als der vom Himmel fallende Schnee geworden waren. Sie trugen lange Röcke aus Seide, Samt oder Atlas von der Farbe des grünen Bernsteins, breite, goldgewirkte Gürtel und hatten schwarze, vornehme Kopfbedeckungen. Sie stammten aus verschiedenen Ländern — einige, wie Rabbi Jakob, Rabbi Josef und andere vornehme Leute, waren kastilische Auswanderer; andere waren fränkische Juden, die sich durch ihre große Gelehrsamkeit auszeichneten; berühmte Ärzte, Schüler des bedeutenden jüdischen Arztes Amatus Lui,sitanus; Studenten der Universität Padua; deutsche Juden, die die Thorakenntnis nach Rom gebracht hatten. Unterdessen standen junge Männer draußen an den Straßenkreuzungen und hielten Wache vor etwaigen Angreifern. Der blinde Rabbi Jakob eröffn,ete die Versammlung mit folgenden Worten: „Unserer vielen Sünden wegen sind wir ohne das Licht der Thora geblieben. Wir wissen weder ein noch aus. Die römische Judengiemeinde steht ratlos da wie eine Herde Schafe ohne den Hirten. Wer wird uns Gottes Wort erklären und uns lehren, was wir in der Stunde der Not tun sollen?'* „Laßt uns Boten senden nach Cremona zu Rabbi Josef Ottolenghi, der dort den Rest Israels versammelt und eine Jeschiba begründet hat, damit Gottes Wort auf italienischem Boden nicht vergessen werde, ihn wollen wir befragen, wie wir uns verhalten sollen“, rieten einige Juden. „Dann müssen wir aber zu lange warten! Die Wege sind für die Juden unsicher. Bis die Boten nach Cremona und von dort zurück sind, ist die Frist abgelaufen, denn die Perlen sollen ja noch vor Beginn des christlichen Karnevals abgeliefert werden.“ „Hat sich Gottes Weisheit wirklich ganz ' von uns abgewandt? Sollten sich in der großen jüdischen Gemeinde Roms wirklich keine Leute finden, die mit Gottes Weisheit begnadet sind und die uns in der Finsternis zu führen wüßten?“ „Gottes Worte sind uns entzogen worden. Es ist schon lange her, daß einer von uns ein jüdisches Buch gesehen hat; auf sein Gedächtnis aber darf man sich bei einer so wichtigen Sache nicht verlassen, da unser Leben auf dem Spiel steht.“ „Bei Maimonides steht eine ausführliche Vorschrift darüber. Ich kenne sie auswendig, will mich aber nicht auf mein Gedächtnis verlassen“, ließ sich ein alter Mann vernehmen. „Mit den Büchern des heiligen Rambams» die unsere Kinder von klein auf zu lernen pflegen, hat man die Straßen Roms beleuchtet“, stöhnte ein Jude. „Hat wirklich niemand ein Buch, zum Beispiel die ,Jadhachasakah‘? Soll wirklich in ganz Rom kein jüdisches Werk zu finden sein? Ist das denn möglich?“ Unterdessen tuschelte der alte blinde Rabbi Jakob mit Rabbi Josef Pinsi. Nach einer geraumen Zeit rief dann Josef Pinsi einige Greise beiseite nud vertraute ihnen etwas an. Diese zeigten Zeichen der Verwunderung, dann riefen sie noch andere hinzu und sprachen leise mit ihnen. Schließlich wählten sie aus ihrer Mitte die Gebildetsten aus, und Josef Pinsi führte diese in eine andere Kammer des Gewölbes hin. Sie folgten ihm durch einen windungsreichen, finsteren Geheimkorridor, der so schmal und eng wie eine Höhle war. Beim Lichte einer Öllampe und einer Wachskerze kamen sie schließlich in eine einsame Kammer, die Josef Pinsi gleichsam durch ein Zauberwort aufmachte, denn man sah keine Tür und keinen Ausgang. Josef Pinsi hatte aber durch eine geheime Vorrichtung einen Stein von der Wand beiseite geschoben, und die kleine Gruppe trat in ein düsteres Zimmer ein. Es stand voller großer Eisenkisten, die mit großen schweren Ketten an die grauen Steinwände befestigt waren. Josef Pinsi machte einige der Kisten auf. Diese waren nicht etwa mit Gold und Edelsteinen — sondern mit jüdischen Büchern gefüllt. Es war das die Geheimbibliothek Pinsis, in der jüdische Bücher verborgen lagen, handschriftliche Talmudfolianten, Erstdrucke der Werke von Maimonides, Gebete, Klagelieder, große M egilaths auf Pergament geschrieben und andere Schriften, die jüdische Gesetze, Gebräuche und Verhaltungsmaßregeln enthielten. In anderen Schriften waren die Leiden der Juden in verschiedenen Ländern geschildert; in großen Megilaths auf hartem Pergament war die Vertreibung aus Spanien geschildert. Andere Folianten enthielten in Versen gehaltene Lobpreisungen der in den Flammen der Inquisition umgekommenen Seligen, ferner Lieder und Klagegesänge, die gleichfalls den Märtyrertod der Helden verherrlichten. Die Bibliothek, die von Generation zu Generation gesammelt und mi Lebensgefahr aufbewahrt wurde, war vor Kastilien nach Italien überführt und in dem Gewölbe Pinsis untergebracht worden, als Paul IV. die jüdischen Bücher in ganz Italien ausrotten ließ. (Fortse zung folgt)

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