Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 8 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE D E S „JUD I SCH EN ECHOS“ DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN VON SCHALOM ASCH (Copyright by R. Löwit, Wien, Leipzig) 7. Fortsetzung Wie Meereswellen begannen die Leute in die Kirche einzudringen und hoben ihre Hände und Gesichter zu dem Licht, das dort erschienen war. Die Kirche wurde von menschlichen Körpern überschwemmt. Aber starke Männer hielten die Wellen zurück, und das Volk draußen begann nach Gott zu verlangen. „Zeigt uns das Heiligenbild!“ „Ein Wunder ist geschehen, ein Wunder!“ rief man von innen. „Laßt uns das Wunder sehen! Wir wollen auch das Wunder sehen!“ raste das Volk wie eine stürmische See. Bald darauf nahmen Priester das Bild des Judenmädchens aus dem Ghetto auf ihre Schultern und gingen damit im feierlichen Zuge aus der Kirche. Voran trug man alle Kiirchenfahnen und alle Heiligenbilder. Aber die Göttin wurde allein in ihrer ganzen Majestät, unter einem rotsamtnen Baldachin mit goldenen Quasten zum Volke hinausgetragen, begleitet von den Machthabern Roms, von Kardinälen und Bischöfen. Sobald aber das Volk die nackte, fliehende Gestalt des jungen Mädchens mit dem anziehenden Lächeln und den traurigen Augen erblickte, diesen Augen, die den Eindruck machten, als sähen sie jeden besonders an und als schenke sie jedem einzelnen ihre Zärtlichkeit, da verschmähte es alle andern Heiligenbilder. Di;e Leute wollten die verzerrten Gesichter der gekreuzigten Fürbitter keines Blickes mehr würdigen. Sie wollten nicht mehr die Heiligen mit ihren blutenden Wunden und den im Körper stekkenden Schwertern sehen. Alle betrachteten nur den nackten jungen Leib des Judenmädchens aus dem Ghetto. Zu ihm erhoben sie ihre Hände, ihm wandten sie ihre Augen zu und vor ihm warfen sie sich auf die Erde und flehten es um himmlisches und irdisches Glück an. „Ave Maria! 0 ewige Schönheit!“ Und es war, als sättigte die jüdische Jungfrau das nach Lust und Seligkeit schmachtende römische Volk durch den gewährten Anblick ihres jungen, nackten Körpers und ihres himmlischen Gesichts mit irdischem und himmlischem Glück, das ihrem jungen, beflügelten Körper wie einem brausenden Quell zu entströmen schien. Während der ganzen Zeit; in der die Kirchenfeier stattfand, blieben die Juden Roms in den Mauern ihres Ghettos eingesperrt, da man Gewalttaten des römischen Pöbels befürchtete, wie sie während der Kirchenprozessionen stets vorzukommen pflegten. Der jüdischen Bevölkerung war es untersagt, das Ghetto an dem feierlichen Tage zu verlassen. Die Juden hörten nur das unheimliche Geläute der unzähligen Kirchen- und Klosterglocken Roms, das von allen Seiten in das Ghetto hineindrang, über den Köpfen der Juden wie Geschrei von Raubvögeln tönte und sie beängstigte und zusammentrieb. Mehr als einer von ihnen hatte bereits den letzten Todesschrei seines Nächsten gehört, als dessen „Schmäh Jisrael“ sich mit dem Glockengeläut und mit dem Flackern des Scheiterhaufens vermischte. Mehr als einen von ihnen erinnerte das Geläut an die Flammen der Inquisition und manch einer sah im Geiste schon die auf Kohlen brennenden Leiber seiner Angehörigen. Das Glockengeläut trieb die jüdische Bevölkerung in die Häuser und Gemächer herein, und die Leute schlossen hinter sich Türen und Läden ab. Jeder Glockenklang war für sie wie ein Peitschenhieb über den Kopf und jagte sie tiefer in Kellerräume und unterirdische Löcher hinab. Und wie es stets an großen kirchlichen Feiertagen war, da die jüdische Bevölkerung vor dem Glokkengeläute erzitterte, so versammelten sich auch diesmal die Juden in den versteckten unterirdischen Synagogen und sagten dort Alle neutilnzulrelenden Abonnenten erschienenen Teile des Romans kostenlos nacboelieiefl.