Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 7 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 27 Und er sah, daß die Mutter unseres himmlischen und irdischen Glückes nicht in die Höhe zu Gott floh, sondern wie ein niedergeschossener armer Vogel ihm untertänig zu Füßen lag. Da übermannte ihn ein mächtiges, unbezähmbares Verlangen, den Leib zu sehen, den lebendigen atmenden Körper seiner Göttin. Mit bebendem Herzen ergriff er den blauen Samtmantel, zog ihn von dem schlafenden Mädchen herab — und nun lag sie enthüllt, nackt vor seinen Augen. Ihr Körper war dem seiner Göttin ähnlich. Die von ihm gemalte Madonna war auch mädchenhaft, leicht und eben erst reif geworden, wie der Körper, den er Fra Angelico entlehnt hatte. Allein das lebende atmende Mädchen war irdisch menschlicher, und daher heiliger ... In den Falten ihres Schoßes, in den lieblichen Grübchen ihres Leibes lag Begierde und war zugleich Erlösung des Menschen ausgeprägt. Er war der Ausdruck unserer Wünsche und unserer Sehnsucht. Und es schien Pastila, als sei in dem lachenden lebenden Körper das Heil und das Ziel unseres Lebens ausgeprägter als auf dem Bilde. Er kniete vor dem Körper nieder. Er verrichtete kein Gebet. Aber mit brennend leidenschaftlichen Lippen küßte er den Saum des himmelblauen Mantels, den er von dem Mädchen herabgezogen hatte, und der von der Berührung mit ihr noch warm war. Dann stieg er wieder auf sein Gerüst zu dem Bilde herauf, um den Leib seiner Göttin mit dem himmlischen Reichtum auszustatten, den die Menschentöchter besitzen ... 10 Wenn die Glocken läuten Vom frühen Morgen an läuteten die Glokken Roms von allen Seiten. Von allen Hügeln und aus allen Tälern, über die die Stadt sich erstreckte, ergossen sich die tönenden Wellen. Einige der Glocken hatten ernsten, tiefen, metallenen, drohenden Klang, der jedermann Schreck einjagte, andere klangen dagegen gleich bittenden, mädchenhaften Stimmen, wieder andere schienen für sich, zu ihren besonderen Göttern zu beten. Eine Klangwelle erhob sich über der anderen. Eine Glocke wollte die andere übertönen. Manche dröhnten Gefahr kündend, andere bebten flehend. Es war, als schrien in der Luft über den Häuptern der Menge unsichtbare Bestien, die immer näher kamen, um ihren blutrünstigen Grimm zu stillen, und als ertönten dazwischen die jammervollen, aus letzten Kräften ausgestoßenen Hilferufe ihrer bedrohten Opfer ... Schon von frühmorgens an bewegten sich über die Straßen Roms verschiedene Prozessionen. Aus allen Kirchen und Klöstern trug man Heiligenbilder und Kirchenfahnen unter roten, vielfarbigen Baldachinen zusammen mit ernst todesfeierlichen, flackernden großen Wachskerzen, die lange Reihen weißgekleideter Priester in der Hand hielten. Es erklang das leise Totengeläute kleiner, silberner Glöckchen, die den Heiligenbildern voranschreitende Chorknaben schwenkten. Kardinäle mit blutroten Hüten, mit Schäferstöcken in den Händen, führten die Prozessionen an. Aus den Weihrauchwolken ragten Gipsfiguren der Heiligen, die von Menschen auf den Schultern getragen wurden und die gekreuzigte Männer darstellten, deren Gesichter in physischem Schmerz verzerrt waren, oder nackter Menschen, in deren Körpern Schwerter staken, und aus deren offenen Wunden geronnenes Blut floß; manche von ihnen hatten verweinte und verzerrte Gesichter und zeigten auf ihre Wunden und auf die Hände, in denen noch die eingeschlagenen Nägel steckten. Hinter ihnen folgten in endlosen Reihen Mönche mit Totenmasken, schwarzen Mänteln und schwarzen Kopfbedeckungen. Sie verhüllten ihre Züge mit schwarzen Schleiern, auf denen weiße Schädelknochen gemalt waren, und durch deren Augenausschnitte unheimliche, furchteinflößende Augen hindurchblickten ... Die Vermummten hielten große gelbe Wachskerzen in den Händen, und es schien, als wären die Toten aus ihren Gräbern auferstanden, und als wandelten sie jetzt durch die Straßen Roms... Von frühmorgens an hörte man auch Gesänge. Allein was da überall erscholl, war kein eigentlicher Gesang, sondern vielmehr unheimliches Totenklagen, das sich wie ein Ausruf des Schreckens anhörte, jenes Entsetzens vor dem Unbekannten, von dem Rom befallen worden war und das immer näher rückte ... Alle diese Prozessionen kamen vor die Tore der Kirche „Zum Heiligen Herzen“, ließen Kirchenfahnen, Heiligenbilder und Gipsfiguren von den Schultern herunter und trugen sie in die Kapelle, in der Pastila seine Fresken anfertigte. Er hatte diese am Altar der heiligen Mutter aufgestellt, an dem das neue Bild der Gottesmutter eingeweiht werden sollte, das dann durch ein geheimes,von den Mechanikern erfundenes Mittel, in der Luft erscheinen sollte. Die Kirche war voller Kardinäle, Bischöfe, Priester, Mönche und Nonnen. Alle knieten in ihren Priestergewändern auf der Erde nieder und warteten auf den