Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 7 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Romanbeilage des „Jüdischen Echos1 Nr. 7 das Unsichtbare, das Verhüllte zu sehen. Es mutete so an, als sähen diese Augen das Los, das einem jeden beschieden ist, das Schicksal, das unseren Schritten nachfolgt. Sie sieht die Qual und das Leid und die Hilflosigkeit unseres dürftigen Lebens, die Ungereimtheit unserer Tage, die Überanstrengung — und ihr Mund drückt tiefe Trauer aus, Kummer über das Geschaute. Wieviel Leid und wieviel Erbarmen legte er in den schmalen, zarten, frischen Schnitt ihres Mundes hinein, wieviel göttliche Traurigkeit und menschliche Reue! Jene Hilflosigkeit, die Michelangelo in den Mundausdruck seiner „Trauernden Gottesmutter“ hineingelegt hatte — die als junges Mädchen in ihren Armen ihren erwachsenen, gekreuzigten Sohn wie ein kleines Kind hält — diesen Leidensschimmer verlieh Pastila auch dem Bilde des Judenmädchens aus dem Ghetto, allein bei ihm war dieser Zug noch nicht so ausgereift wie bei Michelangelo: Pastila verwandelte ihn auf den Lippen seines Bildes vielmehr in ein unbegreifliches Lächeln, als wüßte seine Madonna um das Geheimnis unserer Erlösung und der letzten Tage, als sähe sie den ewigen Frieden und die ewige Stille nach unserem kurzen, armen, verlorenen Herumirren ... Sie zeigt den Weg. Sie besitzt die Ruhe und die Sicherheit, das Ziel und das Ende. Und wer ihr nachfolgt, den nimmt sie mit in die himmlische Fülle, in die Ewigkeit, die v o r und nach uns ist... Es war schon Nacht geworden, und die Kapelle war von schwebenden, beweglichen Schatten umwoben, die sich schwer von einer Säule zur andern über die ganze Länge der Kirche bewegten. Hoch oben aber auf seinem Gerüst saß der Maler und betrachtete beim Scheine dicker Wachskerzen sein Bild. Plötzlich überkam ihn ein sonderbares Gefühl: er vergaß, daß er der Schöpfer des Bildes war, daß die Pinsel noch naß waren, mit denen er gemalt hatte. Es schien ihm, als hätte er nicht das Bild, sondern umgekehrt, das Bild ihn geschaffen. So war es vom ersten Tage an, da es geworden war, und niemand wußte, wie es entstanden war. Es schien ihm, als sei auf seiner Leinwand eine Vision erschienen, die aus unbekannten Sphären kam, um die Menschen zu trösten und zu beglücken. Dem jungen Mädchenkörper entströmte eine Seligkeit, die sich jedem einzelnen mitteilte, und ,es war Pastila, als sei dieser Körper sein eigener, als sei er ihm zuliebe gekommen und als entschwebe er, mit seiner Madonna durch ein ewiges Band vereinigt, aus dieser Welt in andere, unbekannte, himmlische Sphären. Es schien ihm, als gehörten der Blick, das Gesicht, die Augen, der Mund der Madonna — ihm, als sei dies alles seinetwegen erschienen, als sähe sie mit ihren Augen ihn, sein Leben, sein Schicksal, seine Fehltritte und seine Hilflosigkeit. Und als wäre sie über ihn so traurig, und als gälte ihm ihr Mitleid, und als sei sie gekommen, um 'ihn aus der Bedrängnis der Welt zu erlösen und in andere Welten mitzunehmen. Ihm lächelte sie zu und ihm offenbarte sie alles, alles himmlische und irdische Glück ohne Maß und ohne Grenzen. „Oh, himmlische Seligkeit, du, die du begnaden kannst, unendlich mit dem Glücke deines himmlischen Reichtums begnaden kannst! Sei gelobt dafür, daß du gekommen bist! Oh, laß mich in meiner ganzen Ohnmacht deinen beflügelten Brüsten folgen! Führe mich von dieser Welt in deine Gnade herein, auf deinen leichten Flügeln!“ Pastila fiel vor dem Bilde in Ohnmacht ... ❖ Während Pastila von seinem hohen Gerüst mit einer Kerze in der Hand herunterstieg, beleuchtete der Kerzenschein das jüdische Mädchen, das in einiger Entfernung von dem alten Juden auf Kleidungsstücken und Kissen in einem Winkel der Kapelle unter einer Säule lag. Der himmelblaue Mantel, den sie (auf Pastilas Bild) beim Aufsteigen in den Himmel abgestreift hatte, bedeckt sie jetzt, und unter ihm zeigten sich ihre nackten kindlichen Füße und ihr Gesicht, das auf ihrem Haar ruhte. Einen Augenblick lang schien es Pastila, als se!i die Göttin seines Bildes vom Himmel zurückgefallen, als läge sie da, wie ein niedergeschossener Vogel, ihm zu Füßen. Allein bald wurde das Bild in seinen Augen zu dem richtigen Mädchen, der lebenden, fliehenden, auserwählten Menschentochter. Er sah es: da lag nur eine arme verfolgte Jüdin, die sich bei ihm vor den Häschern der Inquisition verborgen hielt. Er wollte sich schon leise zurückziehen, aber der Lichtschein fiel nochmals auf ihr Gesicht und beleuchtete es. Und dieses Gesicht erinnerte ihn an jenes, vor dem er eben erst niedergekniet war, vor dem er gebetet hatte, seine Trägerin möchte ihn in die himmlische Fülle hineinführen — nur daß jetzt dieses Gesicht im Schlaf irdische Hilflosigkeit ausdrückte. Die geschlossenen Augen waren $o unschuldig und so hilflosmenschlich, wie die Augen einer Taube, wenn der Schlächter kommt, um sie zu schlachten. Und auf den gesenkten Lidern lag der Ausdruck einer schwachen menschlichen Liebe, die seine Göttin auf dem Bilde nicht besaß.