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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 7 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 28

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
7 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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28 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 7 großen Augenblick, da die unbefleckte Mutter vor dem Altar erscheinen würde. Die Orgeln tönten, die Kirchenchöre sangen, das Volk aber, Männer, Weiber und Kinder, pochte gleich stürmischen Meereswellen an das offene Tor und verlangte Einlaß. Allein die Kirche war schon übervoll, und die tausendköpfige Menge überschwemmte, wie ein aus den Ufern tretender Fluß, den mit Gras bewachsenen Platz vor dem Gotteshaus. Sie sah nur die brennenden gelben Wachskerzen in den hohen hölzernen Leuchtern, die gleich brennenden Säulen über den Häuptern der weißgekleideten Priester und den schwarzen, mit Totenmasken vermummten Mönchen ragten. Sie hörte den Gesang, der aus der Kirche herausströmte, und alle schwiegen in ernster Stille. Dann erklang das furchterregende Geläute des Totenglöckchens — ein Geläute, das jeden gläubigen Christen an die letzten Augenblicke seines Lebens gemahnt, da der Priester kommen wird, ihm zum letztenmal die Sakramente zu reichen. Die ganze Kirche mit den Priestern und Nonnen kniete nieder, senkte die Köpfe tief zur Erde und verharrte in Schweigen. Über den Häuptern der Zuschauer erhob sich eine dichte Weihrauchwolke, und aus dieser stieg, wie durch ein Wunder, ein leuchtender mädchenhafter Körper auf, flog über die Köpfe der Menge hinweg und stellte sich zwischen die Heiligenbilder und Gipsfiguren, auf den für das Sakrament reservierten Platz am Altar der Heiligen Mutter. Der Bischof vom Kloster St. Markus, der an der Spitze der Prozession stand, erhob zuerst seinen grauen kahlen Kopf, der mit einer Krone geschmückt war, und warf einen Blick auf die neue Gottheit, die vor den Zuschauern erschienen war. Er erstaunte aber sogleich über die unbekannte und ungewohnte Darstellung der Gottesmutter, die er jetzt vor sich sah, über dieses Bildnis eines nackten Mädchens, das eher einer jungen Jüdin aus dem Ghetto, als der Gottesmutter auf den traditionellen Bildern, die er bisher gesehen hatte, glich. Hinter dem Bischof entstand leises Gemurmel. Einen Augenblick lang trat eine Pause im Gottesdienst ein; niemand wußte, was nun kommen würde. Die Priester und die Nonnen erkannten nicht in dem Bilde ihre Gottheit und blickten einander unruhig und befremdet an. Aber plötzlich fiel einem von den jungen Priestern, der das neue Bild genauer betrachtete, das traurige Lächeln der zarten Lippen und der tieftraurige Blick unter den halbgesenkten Augenlidern auf, und es war ihm, als sähe das junge Mädchen ihn an, als rede sie zu ihm durch ihren Blick und durch ihr Lächeln. Und mit einem Male empfand er eine traurige Rührung, eine Andacht und eine Erhebung — wie wenn ein Zittern ihrer Augen und ihres Lächelns durch sein Herz und seine Seele ginge. Und er fühlte sich mit ihr auf ewig, auf ewig vereint und verbunden ... Da streckte er seine dürre Hand zu ihr aus, hob sein erleuchtetes Gesicht zu ihr empor und rief mit übermenschlicher Stimme, als hätte er ein Wunder nicht von dieser Welt gesehen: „Ave Maria! 0 heilige Mutter* ewige Reinheit, o heiliger Quell, ich bin dein!“ Seine Stimme wirkte wie mit Zauberkraft, und seine Begeisterung griff um sich. Die Kardinäle, die Bischöfe, die Priester und die Mönche erhoben sich einer nach dem andern, um die Muttergottes zu betrachten. Und alle fühlten, was der junge Mönch empfunden hatte: die jungen Priester, dann die Nonnen, darauf die Alten. Jederman schien es, als blicke die Gottesmutter gerade ihn an, als meine sie gerade ihn mit ihrem Blick. Jeder einzelne der Zuschauer fühlte, wie weit er würdig war des edlen Anblicks dieser Erhabenheit ihres nackten, lebendigen Körpers, ihres schmerzvollen Blickes und ihres beseelten Lächelns. Ein jeder wurde sich bewußt, wie weit er des Schauens dieser Mischung himmlischer und irdischer Seligkeit würdig war. Der nackte, eben reif gewordene Körper reizte wie ein frischer, reifer Apfel, und das Gesicht und die traurigen Augen und das bittende Lächeln verwandelten den irdischen Reiz in himmlischen Genuß. Und es schien, als zöge die Madonna mit irdischen und himmlischen Kräften an sich heran, und so betete man auch zu ihr mit Leib und Seele ... Und einer nach dem andern streckte zu ihr die Hände aus — knöcherne, ausgemergelte Skeletthände fastender Mönche; fette, behaarte Hände genußsüchtiger Bischöfe; junge Mädchenhände der Nonnen und schüchterne, abgemagerte Hände von Keuschheit verzehrter Klosterschwestern. Und alle Gesichter, erleuchtet von himmlischer und irdischer Seligkeit wandten sich zu ihr und alle riefen: „Ave Maria!“ Draußen hörte das Volk die Ausrufe und den Gesang in der Kirche und wurde, wie trockenes Holz vom Feuer, mitangesteckt von der Begeisterung, die aus der überfüllten und vom Kerzenschein überfluteten Kapelle herausströmte. (Fortsetzung folgt)

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