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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 6 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 23

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
6 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 23 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 23 die Nonnen vom heiligen Orden des St. Antonius malte. Die Kirche zum „Heiligen Herzen“ lag in einer entfernten Straße, umgeben von einem großen Park und einer hohen Mauer. Die Kapelle, in der Pastila seine Fresken malte, hatte einen geheimen Eingang, dessen Schlüssel er besaß. Und dort hielt er seinen Schatz verborgen. Josef Pinsi, der Landsmann und Freund der Flüchtlinge, bei dem der blinde Rabbi Jakob gewohnt hatte, kehrte in das Ghetto zurück. Allein hier war niemand mehr seines Lebens sicher. Die Juden, denen das Leben in Rom unter der Herrschaft Pauls IV. unerträglich wurde, suchten Wege, um von Rom nach Urbino zu flüchten, dessen Fürst sie, um den Papst zu ärgern, aufgefordert hatte, sich in Pesaro niederzulassen. Pastila hatte versprochen, den alten Rabbi Jakob mit seiner Enkelin nach Venedig zu geleiten. Bevor sie sich von Josef Pinsi trennten, den sie eigentlich als ihren Verwandten betrachteten, verabredeten die Flüchtlinge, sich in Ancona, dem Hafen, der Rom am nächsten lag, zu treffen. Dort wollte Pastila für sie ein venezianisches Schiff besorgen, das sie alle nach Venedig bringen sollte. Von Venedig aber konnten sie auf einem der türkischen Schiffe, die den Juden gehörten und damals ständig zwischen Konstantinopel und Venedig verkehrten, in das Reich des Sultans gelangen, wo Juden und Marranen in Ehren und im Reichtum lebten, und wo ihre Landsmännin und Beschützerin, die reiche Grazia Mendesia mit ihrem Schwiegersohn, Josef Nassi, zu großer Macht am Hofe des Sultans gelangt war. Josef Pinsi, der Verwalter und Agent des Hauses Mendesia in Rom, hatte ein großes Vermögen in Seidenstoffen, Juwelen und Edelsteinen angelegt, und wollte sie von Rom nach Venedig mitnehmen. Es gab aber damals noch keine Landwege in Italien. Wollte man Waren befördern, so mußte man sich entweder des Wasserweges bedienen oder Packesel in Begleitung von Wächtern und Reitern benutzen. Indessen waren die Karawanenwege sehr gefährlich, und einem reichen Juden brachten sie unweigerlich den Tod. Aber Pinsi blieb nichts anderes übrig, als Packesel von Rom nach Ancona zu mieten, obwohl er in Ancona Gefahr lief, von der Inquisition erkannt und nach Beschlagnahme seines Vermögens verbrannt zu werden. So beschlossen denn die Flüchtlinge, die Reise insgeheim, unter fremden Namen, als venezianische Kaufleute zu machen, und Pastila versprach, ihnen venezianische Kleider und Zeugnisse zu beschaffen, die bekunden sollten, daß sie unter dem Schutze der venezianischen Republik ständen. Eigentlich war das Verhältnis Pastilas zu den. Flüchtlingen nicht klar. Warum nahm er sich ihrer an, warum tat er das alles für sie? Obwohl es damals keine Seltenheit war, daß einzelne Christen in recht engem Verhältnis zu den Juden standen, empfand der alte Rabbi Jakob, dessen einziges Glück seine Enkelin Jephtha war, und dessen einziger Lebenszweck darin bestand, diese Enkelin, die Tochter seines geliebten Sohnes Josef, der auf dem Scheiterhaufen von Lissabon als Glaubensmäpyrer sein Leben gelassen hatte, wohl zu behalten, in der ersten Zeit dennoch eine unbestimmte Angst. Wenn Pastila da war, pflegte der Alte die weiße Hand des Mädchens in seiner Rechten zu halten, wobei er seine zitternde Linke nicht von Jephthas Schulter nahm, als befürchtete er etwas. Allein Pastilas aufrichtiger Ton, seine Zurückhaltung und Ehrlichkeit im Verkehr mit ihnen, vor allem aber der Umstand, daß er sein Leben riskierte, um ihr Leben zu retten — dies alles erweckte selbst in dem alten Rabbi Jakob Vertrauen zu dem Fremden. Anderseits blieb ihm aber einfach nichts weiter übrig, als Pastilas Hilfe anzunehmen. Noch immer veranstaltete die Inquisition Jagden auf das Ghetto. Jeden Abend wurden andere jüdische Häuser überfallen und junge Frauen und Mädchen hervorgezerrt, die fromme Gesichter und bescheidene Augen hatten und nur einigermaßen an jene Erscheinung erinnerten, die sich im Wasser gezeigt hatte. Man warf sie in die Keller der Inquisition und zwang sie durch verschiedenartige Folterqualen, zu gestehen, daß sie ihre Schönheit vom Satan und ihr edles Aussehen durch Zauberei erhalten hätten. Dann verbrannte man sie öffentlich in den Straßen Roms. 8 Das Doppelherz In der Kapelle der Kirche zum „Heiligen Herzen“, in der Pastila seine Fresken malte, drang iin der Abenddämmerung durch das tiefe Blau und Gold, mit denen die Figuren der Heiligen in den Kirchenfenstern ausgemalt waren, warmes, bräunliches Licht herein und erhob sich gleich einer Staubwolke in der Luft der Kirche. Zwei lichte Staubsäulen, die durch die Augen der Heiligen wie aus tiefen Quellen hervorstrahlten, zogen sich durch den Raum, dehnten sich von einem Ende der Kirche zum andern aus und beleuchteten auf ihrem Wege mit einem seltsamen und un- :: 1,

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