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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 6 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 24

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
6 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 24 (sequence 4)
Language
German
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24 Romanbeilage des „Jüdischen Echos1 Nr. heimlichen Licht die Patriarchen, Propheten, Apostel und Heiligen, die an den Wänden von Pastilas Fresken herabblickten. In einer Ecke der unheimlichen Kapelle, in der Gesellschaft all der Heiligen, die durch das Licht Bewegung und Leben erhielten, hielt sich der alte blinde Rabbi Jakob auf, der während des Tumultes im Ghetto etwas verwirrt geworden war und nun nicht mehr wußte, wo er sich befand. Er lag dort stets unbeweglich und schnalzte nur mit den Lippen. Neben ihm aber befand sich stets seine Enkelin Jephtha. Auf einem hoch oben angebrachten Gestell saß der Maler Pastila bei seiner Arbeit. Von Zeit zu Zeit blickte er aus seiner Höhe herab und betrachtete die lebende Gruppe in der Ecke. Die Strahlen, die den Raum der Kirche durchkreuzten, erfaßten auch Jephthas Haar und fielen seitwärts auch auf ihr Gesicht. Pastila sah die seidigen, gekräuselten, dünnen Locken, die von ihrem glatt gekämmten Kopf sich loslösten und zierlich über ihren weißen Nacken fielen. Er sah ihre feine dunkle Haut, ihr trauriges Lächeln und die verführerische Keuschheit in ihren Augen. Hier in den goldenen Lichtstrahlen, die durch die Fenster hereindrangen, in der Tiefe der dunklen Ecke, im Schatten der weißen Säulen, umgeben von allen den Heiligen und Patriarchen, die von den Wänden herabblickten — hier sah das jüdische Mädchen noch mehr als sonst wie die Heiligkeit selbst aus. Die Gruppe dort in der Ecke, der blinde, so naiv um sich blickende Jude mit seinem spärlichen grauen Bart und kahlen Kopf, und neben ihm die weltverlorene, trauernde Tochter — diese Gruppe sah aus, als wäre eine der Szenen, die Pastila auf den Kirchenwänden gemalt hatte, von der Wand herabgekommen und bewegte sich jetzt ... Ja, so hat sie wohl ausgesehen — die Heilige Maria, die Menschentochter, der Gott seine Liebe geschenkt und der Er erlaubt hatte, den Menschen den Trost dieser Welt zu bringen. So mußte sie, Maria, in jener Nacht ausgesehen haben, als sie sich in einem Zelt mitten unter den Hirten aufhielt, auf dem Felde von Bethlehem, um ihr Kind zu gebären — so mußte sie unterwegs ausgesehen haben damals, als sie mit Josef, ihrem Manne, nach Ägypten flüchtete. So mußte sie in jenem Augenblick — dem größten Augenblick seit Erschaffung der Welt — ausgesehen haben, als Gott ihr sein Augenmerk zugewandt hatte und sie erkor, die Auserwählte zu sein. Pastila war einer von jenen religiösen Malern, deren Begeisterung für die heilige Maria aus himmlischer und irdischer Liebe zusamj mengewoben war. Von Natur aus und durc J Erziehung religiös, hegte er für die Mutte I Gottes jene Verehrung, wie sie nur tiefrelil giöse Menschen in ihrer höchsten Ekstas 1 empfinden. Aber je tiefer das religiöse Ge] fühl in ihm Wurzel faßte, desto sündigerer] schien ihm das Empfinden seines Blutes, die 1 ses Rauschen, diese Unruhe im Körper, die 1 ses W,eben des Teufels in der Begierde . j In das Gesicht der Madonna blickend, din Hände zu ihr emporhebend, vor ihr nieder ] kniend, betete er dann, sie möge ihn von je der menschlichen Schwäche befreien, ihn er j heben und ihn in das himmlische Reich der! Reinheit und der Lauterkeit einführen. AbeH wenn er in seiner Phantasie in die himmi lische Fülle der Reinheit und Lauterkeit kam ' fühlte er sich ihr so nahe, so umschlunger.! von ihrer Liebe und Güte, so eins mit ihr daß er nicht mehr wußte, ob es eine Sünde, eine Lästerung der höchsten Reinheit, oder aber eine Auszeichnung, eine besondere Gnade war, die sie ihm erwies ... Visionen und Gestalten peinigten ihn oft in den Nächten — er träumte von menschlicher, leiblicher Berührung mit seiner Göttin, schwebte au ihren Brüsten in himmlischen Wonnen .. und sein Gewissen wurde dann von Reu und Bangigkeit geplagt. In Jephtha, dem Mädchen aus dem jüdi sehen Ghetto, erblickte er die Verkörperung der heiligen Maria. Er glaubte, ebenso wie viele damals glaubten, die Gottheit steig.e zuweilen auf die Erde hernieder und nehme menschliche Gestalt an. Er war überzeugt, daß die heilige Maria sich aus irgendeinem unbekannten Grunde und zu einem unbekannten Zweck herbeigelassen habe, sich in dem Mädchen zu verkörpern. Das Wunder, das durch Jephtha auf dem Wasser geschehen war, als der ganze römische Pöbel plötzlich verblüfft war und in ihrer Erscheinung die heilige Mutter zu sehen glaubte — dieses Wunder bestärkte den Maler noch in der Überzeugung, daß der heilige Geist über dem Mädchen schwebe. Er vergötterte Jephtha — aber nicht nur deshalb, weil ihre Erscheinung so sehr an das Bild der heiligen Mutter gemahnte, jenes Bild, das er in seiner Phantasie im Herzen trug — jetzt, da sich das Bild in Fleisch und Blut verkörpert hatte, beweglich war, zu ihm sprach und ihn ansah — ergoß sich sein unerfülltes Verlangen, das in ihm nach jener heiligen Gestalt brannte, wie glühendes Blei in sein Blut, überschwemmte seine Adern — zog ihn zu ihr ... (Fortsetzung folgt)

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