Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 6 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 6 tergang gerettet. Mönche verschiedener Orden, Nonnen und überhaupt fromme Christen stahlen sich in das Ghetto hinein und warfen verstohlene Blicke in die Gewölbe und in die verschlossenen Häuser, in der Hoffnung, daß sich dort vielleicht jene zeigen würde, zu der sie beteten, in deren Händen sich die Schlüssel des Diesseits und Jenseits befanden — Jene, die sich einst herbeigelassen hatte, dem verdammten Volke anzugehören und nun zu diesem Volke zurückgekommen war und sich wieder in seiner Mitte aufhielt. Vergeblich wiesen die Kardinäle und die Bischöfe die Priester an, das Volk in der Kirche darüber aufzuklären, daß es nur eine Zauberin gewesen sei, die sich Satans Macht zunutze gemacht und so die Gestalt der heiligen Mutter angenommen hätte, um das christliche Volk zu täuschen. Es fanden sich sogar Zeugen, die in den Kirchen vor dem versammelten Volke bekundeten, mit eigenen Augen gesehen zu haben, daß die Frau, die auf dem Brett geschwommen war, unter ihrem Kleid Ziegenbeine hatte. Andere erzählten wieder, iim Judenghetto eine Frau mit Hörnern auf dem Kopfe aus einem Hause herauskommen gesehen zu haben. Allein das Volk stand zu sehr unter dem Eindruck des selbstgeschauten Bildes, und die Legende über die heilige Mutter verbreitete sich unter dem Pöbel unaufhaltsam weiter. Der römische Pöbel hatte stets geglaubt, daß sich im Ghetto Zauberer und Zauberinnen befanden, daß die jüdischen Frauen ein Bündnis mit dem Satan geschlossen hatten, und daß dieser ihnen die Macht verliehen und das Mittel gezeigt hatte, stets jung zu bleiben, sich die Frische des Körpers und das jugendliche Aussehen des Gesichtes zu erhalten und das Haar auf jede Weise zu färben. Das Volk glaubte, daß die jüdischen Frauen einen Trank kannten, mit dem sie in jedermanns Herz Liebe einpflanzen und ihn sich untertänig machen konnten. Die Chronisten jener Zeit erzählen uns, daß die schönsten Kurtisanen Roms sich in das Ghetto zu begeben pflegten, um bei den jüdischen Frauen nach dem Geheimnis der unvergänglichen Jugend zu forschen, das diese direkt vom Satan erfahren hatten. Im übrigen aber glaubte der Pöbel, daß der Teufel Macht nur über den Menschen und über alles, was diesen betrifft, wie Glück, Größe und Macht, besaß. Dagegen hatte er, ihrem Glauben zufolge, keine Macht über das Heilige und Göttliche; so daß der Teufel niemals an die Stelle Gottes treten konnte. Daher war es denn der Kirche trotz aller ihrer Anstrengungen dennoch nicht gelungen, dem Pöbel einzureden, daß der Satan die Juden gerettet habe. Der Umstand, daß die heilige Mutter selbst erschienen war, bestärkte vielmehr den Pöbel in seinem Glauben, und die Legende von der heiligen Mutter, die im jüdischen Ghetto weilte, schlug im Volke, gegen den Willen der Priester und trotz des ohnmächtigen Zornes der Kirche, feste Wurzeln. „Selbst ein so heiliges Wesen ist allen Schwächen einfacher Sterblicher unterworfen. Sie hat gesehen, daß man ihre Volksgenossen peinigte, und sie kam, sie zu retten“, behauptete das Volk in den Kirchen. „Es ist kein Wunder — das Blut ruht nicht, und mag es sogar in den Adern der heiligen Mutter fließen, es wird doch zum eigenen Blut hingezogen.“ „Jeden zieht es zu den Seinigen.“ v „Und ich sage: man muß mit den,Verdammten'vorsichtig sein. Wenn sie auch verdammt und verstoßen sind, so haben sie doch eine zu starke Hand im Himmel. Ja, der Gekreuzigte selbst war, obwohl er Gottes Sohn ist, vor allem ein Jude. Und so sehr er sie auch verleugnen mag — sobald er sieht, daß man sie martert, so gibt es ihm doch einen Stich ins Herz.“ „Und sie ist eine Jüdin, und obwohl sie ihren Sohn gekreuzigt haben, kann sie sich dennoch nicht von ihnen lossagen, genau so wie eine Schwiegertochter im Hause des Schwiegervaters es stets mit ihren Brüdern halten wird...“ fügte eine Frau hinzu. Die Kirche erblickte indessen in dem Gerede des Volkes eine Gefahr und forderte die Inquisition auf, die Zauberin zu finden und sie öffentlich zu verbrennen. Mehr brauchte die Inquisition nicht. Jeden Abend überfielen ihre Häscher das Ghetto. Man zerrte aus den Häusern Frauen und Mädchen hervor und zwang sie durch Folterqualen, zu gestehen, daß sie in Verbindung mit dem Teufel standen. Auf diese Weise hatte man jn Rom bereits einige Zauberinnen öffentlich verbrannt. Allein diejenige, nach der man suchte, fand man nicht. Und die Legende von der heiligen Mutter, die im jüdischen Ghetto weilte, war aus den Worten und aus den Gedanken des Volkes nicht auszurotten... * Der junge venezianische Maler Pastila, der der eigentliche Urheber der Rettung der Juden war, hatte unterdessen den blinden Juden und seine schöne Enkelin aus dem Ghetto herausgeführt und sie in der leeren Kirche versteckt, in der er die Fresken der Bilder aus dem Alten und dem Neuen Testament für