Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 6 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN VON SCHALOM ASCH (Copyright by R. Löwit, Wien, Leipzig) 5. Fortsetzung Die Nacktheit der Frau, ihr trauriger Blick und ihr biegsamer Körper, der denselben keuschen Reiz ausübte wie ihr Antlitz, versetzten die Zuschauer fast in eine andächtige Stimmung. Der schwerfälligen Juden achtete man nicht mehr und lachte auch nicht mehr über die nackten Weiber in den Fluten., Im Gegenteil, die Juden mit den Thorarollen in den erhobenen Händen, die alten verwachsenen Frauen mit Kindern auf den Armen, ihr Weinen und ihr Flehen — alles rückte jetzt durch die Erscheinung der schwimmenden nackten Schönheit in ein ganz anderes Licht. Alles wirkte jetzt wie eine Verkörperung einer biblischen Szene, und es war, als schritte eine Gruppe von Heiligen durch das Meer und ihnen voran die heilige Mutter, die „trauernde Gottesmutter“. Da und dort hörte man schon ein Gemurmel, das wie ein leiser Wind durch den Pöbel ging und sich über die Mauer verbreitete. „Retten!“ „Die Menschen ertrinken ja!“ „Eine Schande vor Gott ist das.“ „Eine Sünde! Eine Sünde!“ Da plötzlich tauchte jemand im Wasser auf, das ihm bis zum Halse reichte. Es war ein hochgewachsener Mann. Er kam aus einer Seitengasse und näherte sich dem schwimmenden Brett, auf dem die nackte Frau neben dem Greis kniete. Sobald aber der Mann das Brett erreichte, zog er unter dem Wasser ein hohes eisernes Kreuz mit einem daran befestigten Christusbild hervor, erhob dieses Symbol über die Köpfe der nackten Juden und zeigte es dem Pöbel, der auf der Mauer herum saß. Ein Schrecken erfaßte die Zuschauer. Hier und da ließen sich schon Gruppen von Mönchen auf die Knie nieder, und plötzlich ertönte Kirchengesang, weit und breit über der Mauer, dem Wasser, dem Ghetto und über ganz Rom hinüber hallend. „Die heilige Mutter schwimmt dort, die trauernde Gottesmutter.“ „Christenvolk, seht, seht! Gottes Mutter schwimmt da!“ Alle Augen wandten sich nach dem Zelt, in dem der Heilige Vater mit seinem Gefolge saß. Aber Paul IV. verhüllte sein Gesicht mit seinem roten Mantel und wollte nicht aufblicken. Da aber brach es plötzlich wie ein Sturm aus. Hier und da erhoben sich Hände und zeigten auf den Papst. Und durch das Volk ging ein Gemurmel: „Retten!“ „Die Ghettotore öffnen.“ „Retten, retten!“ „Ein Sünder“, rief ein Mönch und zeigte mit seinem Kreuz auf den Papst. „Antichrist!“ „Der Teufel sitzt auf dem Throne Christi!“ „Antichrist!“ Aber die schweizerischen Söldner drängten mit ihren Piken und Hellebarden die gereizte Menge zurück, machten den Weg für den Papst frei, und Paul IV. verließ mit seiner Begleitung die Ghettomauer. Einer nach dem andern verschwanden, die Kardinäle, die Kurtisanen, die Signori, die hohen Würdenträger der Kirche und die Machthaber Roms und der Welt, und ließen die in der Sonne schillernden farbenreichen Gobelins und Teppiche auf der Ghettomauer zurück. Die Tore des Ghettos aber sprangen auf, das Wasser strömte heraus, und es schien, als wollte es nunmehr Rom überschwemmen. 7 Die Legende Bald darauf verbreitete sich in Rom die Legende, daß die Heilige Mutter auf Erden erschienen wäre. Sie hielte sich — erzählten sich die Leute — irgendwo unter den Juden im Ghetto auf und habe aus einem unbegreiflichen Grunde und zu einem unbekannten Zweck die Ungläubigen vor dem Un- Alle .Abonnenlen erschienenen Teile des Romans Kostenlos nstlioellelerl. D:..^9B