Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 5 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' 19 Alle blickten auf den Heiligen Vater. Doch seine Züge blieben düster und stumm, die Runzeln seines Gesichts furchten sich wie eine bewegte See, und nur die Augen schienen zu schlummern, so tief eingesunken waren sie in den Falten dieses finsteren, reglosen Gesichts. 6 Das Wunder Bald erlebte der Pöbel von Rom die Befriedigung seiner Wünsche. Ob es das Wasser war, das die Juden aus ihren Zufluchtsstätten vertrieb, oder ob die eingebildete Hoffnung, die Anwesenheit des Heiligen Vaters würde ihnen baldige Rettung bringen, sie beflügelte, jedenfalls verließen sie plötzlich ihre Häuser, stürzten sich aus den Fenstern ins Wasser, nahmen die Kinder und die Greise auf die Schultern und begannen durch die Fluten zu waten. Das Wasser stand hoch, manchen reichte es bis zur Mitte des Leibes, anderen sogar bis zum Hals. Aber die Juden gingen dennoch vorwärts. Es waren da Mütter mit Kindern auf den Schultern; Väter, die ihre Kinder auf den Händen trugen. Manche hielten Thorarollen hoch, andere trugen Greise auf ihren Armen. Als sie schließlich die Seite der Mauer erreichten, auf der der Heilige Vater saß, streckten sie die Thorarollen und ihre Kinder zu ihm empor und flehten ihn an: „Öffne, öffne die Tore des Ghettos, sonst ertrinken wir.“ „Im Namen Gottes, rettet uns!“ „Wir sind alle römische Bürger. Die Päpste haben uns stets in Schutz genommen.“ Der Papst hörte die Bitten an, in seinem Stuhle sitzend, dann befahl er durch ein Zeichen mit seinem beringten Finger dem Gouverneur von Rom, der sich ebenfalls in seinem Gefolge befand, die Juden zu beruhigen. Darauf erhob sich der Gouverneur von seinem Sitze und rief den Juden zu: „Als der Heilige Vater von dem großen Unglück hörte, das euer Ghetto heimgesucht hat, konnte er nicht ruhig in seinem Heim bleiben, und ist nun gekommen, um euch zu helfen — nicht etwa, weil ihr es verdient, sondern weil uns Gott befohlen hat, unsere Feinde zu lieben.“ „Wir wußten, daß der Heilige Vater sich unser erbarmen würde“, antworteten die Juden in stürmischer Freude aus dem Wasser. „Die Tore des Ghettos können wir nicht öffnen,“ fuhr der Gouverneur fort, „sonst würde das Wasser aus dem Ghetto strömen, die benachbarten Straßen überschwemmen und vielleicht auch die heilige Kirche St. Angelicas beschädigen.“ „Was nun? Erbarme dich unserer Kinder, Heiliger Vater! Wir ertrinken ja!“ „Ihr ertrinkt nicht, ihr ertrinkt nicht“, entgegnete der Gouverneur Roms und äffte die bittenden Juden nach, zur Freude und Belustigung des ganzen römischen Pöbels, der auf der Mauer in brausende Zurufe ausbrach. „Der Heilige Vater hat bereits Befehl gegeben, und fünfhundert christliche Soldaten arbeiten schon für euch, ihr verfluchten Juden. Sie befestigen wieder die Dämme, die das Wasser zerstört hat. In einigen Stunden erwarten wir das Sinken des Wassers.“ „Aber bis dahin werden alle längst ertrunken sein“, weinten die Juden. „Ihr werdet nicht ertrunken sein“, äffte der Gouverneur die flehenden Juden wieder nach. Und der Pöbel auf der Mauer antwortete abermals mit einem Echo. Bald darauf trieben die Schweizer mit langen Hellebarden die Juden von der Mauer zurück. Die Ertrinkenden hoben ihre Augen gen Himmel in ihrer Hilflosigkeit. Es waren Leute verschiedenen Alters da, Männer und Frauen, die halb nackt mit nassen Kleidern im Wasser standen. Bei vielen war die behaarte Brust entblößt, schiefe Schultern, eingesunkene Köpfe und Augen, in Todesangst vor sich starrend, kamen zum Vorschein. Die bärtigen Gesichter, die aus dem Wasser emporblickten, reizten aber die Zuschauer zum Lachen, und der Pöbel stillte nach Herzenslust seine Schaugier an den drollig verwachsenen, weinenden Männern und Frauen. Manche von diesen konnten sich schon nicht mehr auf den Füßen halten. Das Wasser zog sie wie Holzsplitter in den Strudel hinein und schleifte sie mit. Besonders waren es die Frauen, die dem nassen Element keinen Widerstand mehr zu leisten vermochten. Das Wasser riß ihnen das Hemd oder das letzte Kleidungsstück vom Leibe und enblößte sie. Die wie leere Säcke schlaff herabhängenden Brüste der alten Frauen, die verschrumpften Körper der alten Juden, die harten Spuren verschiedener ausgestandener Qualen aufwiesen, erweckten den Spott des Pöbels. Die Schwäche und die Unbeholfenheiit der halbnackten Menschen wirkten drollig und riefen statt des Mitleids nur das Gefühl der Verachtung hervor, und der Pöbel ergab sich ganz seinem Lachreiz und seiner übermütigen Laune. Die Zuschauer hatten jedes menschliche Gefühl, jedes Mitempfinden mit lebenden Wesen verloren. Sie sahen in den komischen Gestalten, die im Wasser mit er-