Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 5 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 5 Nonnen ein Heiligenbild aufgestellt, um die Unglücklichen darauf aufmerksam zu machen, und deuteten mit ihren Fingern auf das Bildnis des Gottes Jesu, wie wenn sie sagen wollten, daß er allein ihnen noch helfen könne. Aber sobald die Juden die Kreuze, die Heiligenbilder und die Kirchenfahnen erblickten, die ihnen vorgehalten wurden, zogen sie die Köpfe zurück, die Greise schlossen die Augen und bedeckten die Gesichter mit den Händen, um nichts zu sehen, und selbst die Mütter nahmen ihre Kinder fort und verhüllten ihnen die Gesichter mit ihren Tuniken und Tüchern, damit sie die fremden Götter nicht sehen sollten. „Starrsinniges Volk! Seht, wie es sich von Gottes Zeichen abwendet! Wahrhaftig: es ist mit Blindheit geschlagen — genau wie es in der Heiligen Schrift steht“, rief ein Mönch einem andern zu. „Das macht alles der Satan, er läßt sie nicht Gottes Gesicht schauen. Seit der Stunde, da sie unsern Gott gepeinigt, drang der Satan in sie ein, und jedesmal, wenn sie des Ewigen Antlitz erblicken, weint der Satan in ihnen und läßt sie nicht schauen.“ „So hat sie die heilige Maria verflucht, als man ihren lieben Sohn vom Kreuze abnahm und sie die Wunden sah, die sie in Seine Hände geschlagen hatten: da hat sie dieses Volk verwünscht, daß es Sein liebes Antlitz nicht sollte schauen können. Die Sonne quält sie, die Sonne peinigt sie, und sie können nicht ohne Scham in Sein heiliges Gesicht blicken.“ „Man muß sie ins Wasser werfen, muß sie wie die Ratten ertränken!“ „Wie die Ratten, wie die Ratten!“ schrie der Pöbel. Ihm genügte das Geboitene nicht, er wollte noch mehr Aufregung und verlangte Steigerung des Schauspiels. Er hatte sich an die Gesichter der Juden auf den Turmdächern und in den Fenstern bereits gewöhnt und wollte nun das unmittelbare, Ringen der Menschen mit dem Tode sehen. Das Einströmen des Wassers in die Straßen langweilte den Pöbel, er hatite noch niemand ertrinken sehen. „Von den Dächern herabwerfen! Von den Dächern herab, wie die Ratten, wie die Ratten!“ schrie der Pöbel. Doch bald wurde sein Blutdurst gesättigt. Das Wasser begann aus den offenen Kellern und Erdgeschossen verschiedenes Hausgerät herauszuschwemmen. Nun sah man in den Fluten, auf den Wellen Tische, Bänke, Kisten mit Waren, Kleidungsstücke, Bücher, Pergamentrollen und andere Gegenstände, ertrunkene Haussiere und Vögel schwimmen, und das Volk geriet in Aufregung vor gespannter Erwartung. Jedes Möbelstück und jedes Stück Geschirr und jedes Kleidungsstück, das sich auf dem Wasser zeigte, rief neue gewaltige Freudenausbrüche des Pöbels hervor, der auf die herumschwimmenden Gegenstände mit Händen wies. Bald aber erschienen auf den Wellen auch menschliche Körper — tote Kinder und Greise — und diese menschlichen Leichname steigerten den Blutdurst des römischen Pöbels noch viel mehr: über der Mauer erscholl jetzt ein solches Geschrei, und man vernahm solche. Ausrufe, als hätte der Pöbel seinen Retter, seinen Helden und Befreier erblickt. „Pharaos Meer, Gott will die Juden in dem Meer Pharaos ertränken!“ „Es ist der Tag der Rache Gottes an seinen Feinden!“ „Es lebe der Heilige Vater Paul der Vierte, der treue Diener Gottes, der die Kränkung unseres Heilands rächt!“ „Gottes Blut ist gerächt!“ Hier und da knieten Mönche auf der Mauer, beschatteten ihre Augen mit den Händen und beteten für die ausgehauchten Seelen, auf daß Gott sich ihrer erbarme und sie in sein himmlisches Reich aufnehme; sie hielten ihre Kreuze über das Wasesr und die dahinschwimmenden Leichen. Von weitem erklang das einsame Geläute der fernen Kirchenglocken, und die Zuschauer senkten die Köpfe. Die Mönche knieten und stimmten Kirchenlieder an. Auf der Ghettomauer aber zeigte sich jetzt in einem Tragstuhl der Heilige Vater. Er trug einen scharlachroten Mantel und wurde von einer ganzen Reihe von Kardinälen und anderen hohen Würdenträgern der Kirche geleitet. Auf der Mauer war für sie schon zu Beginn ein Zelt aufgerichtet worden, das mit Brokat und andern teuren Stoffen geschmückt war, damit der Heilige Vater alles, was im Ghetto vor sich ging, sehen konnte. Als der Pöbel den Papst bemerkte, erhob er sich und stand mit bebendem Herzen, in gespannter Erwartung dessen, was jetzt kommen würde. Als aber die Juden auf den Türmen, in den Fenstern und auf den Brücken den Heiligen Vater erblickten, begannen sie plötzlich von neuem zu schreien und zu weinen. Männer streckten durch die Fenster Thorarollen aus, Mütter zeigten ihre Kinder und flehten laut rufend: „Im Namen Gottes, rettet uns! Rettet uns!“ „Öffnet die Tore! Wir ertrinken mit Weib und Kind!“