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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 5 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 20

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
5 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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20 Romanbeilage des „Jüdischen Echos4 Nr. 5 schrockenen Augen herumplätscherten und einen Ausweg suchten, um ihr Leben zu retten, nicht mehr als einen Lachreiz, als ginge es um Hunde, Katzen oder Ratten, diie im Wasser ertranken. Das Lachen steckte alle an, Arme und Reiche, Pöbel und Aristokraten. Es lachten der Kardinal und der Handwerker, der Mönch und der Soldat, die Nonne und die Dirne — allen, allen war das, was vor ihren Augen vorging, nur ein Schauspiel. Alle, alle, vom Heiligen Vater bis zum letzten Landsknecht, belustigten sich über den Totentanz, den der Todesengel vor ihnen aufführte. Alle Gesichter waren vor Aufregung erhitzt. Die Augen glänzten, die Lippen lachten und die Hände fächelten, die Herren mit ihren wollenen Schals, die Damen mit ihren Tüchern, die Mönche mit ihren Kirchenfahnen, die Landsknechte mit ihren Piken — alles lachte, lachte, lachte. „Seht den Roten dort mit dem roten Bart, seht seine rothaarige Brust, seht, seht, er wackelt wie ein Trunkener.“ „Er ist berauscht vom Wasser: er hat für heute genug davon getrunken.“ „Venus, du Göttin der Schönheit! Du mußt den Papst bitten, daß er dir diesen Mann schenkt. Du wirst ihn in deinem Lustgarten auf stellen und wirst dann die einzige Venus sein, die eiinen roten Pan besitzt. Die Götter werden dich beneiden!“ bemerkte Kardinal Farnese zu der schönen Kurtisane Imperia, die mit ihrem Gefolge von Liebhabern und Liebabeninnen einen der besten Plätze auf der Ghettomauer innehatte. „Ein solches Glück würde ich dem Juden gar nicht gönnen, in dem Garten der Venus zu stehen und zuzuschauen, wenn sie jeden Morgen zwischen den Zweigen in der Quelle des ,Liebeswassers‘ badet. Oh, ich würde bald miiit ihm tauschen“, bemerkte der junge florentinische Gesandte zu der schönen Imperia, worauf die schöne Kurtisane ihm den Nagel ihres kleinen Fingers zu küssen gab, als Belohnung für das Kompliment ... „Seht, seht dort, den da mit dem dicken Bauch. Er wackelt schon auf seinen Füßen. Guck’ noch eine Minute hin und du wirst erleben, wie sein kahler Schädel wie der Vollmond im Wasser untergeht“, lachte man in einer andern Gruppe und zeigte mit der Hand auf den Juden. „Schade, solch fetter Leib geht nutzlos verloren“, lachte ein Mann. „Was würdest du denn mit ihm anfangen?“ „Er würde einen guten Würmerköder abgeben, um Fische zu fangen.“ Das Lachen dröhnte von der Mauer auf das Wasser hinab. „Seht, seht nur, seht, seht, wer schwimmt denn da?“ „Was ist das?“ „Was ist das?“ Das Lachen begann schließlich zu verstummen, und die Zuschauer wurden allmählich von Angst und Staunen gepackt und von dem Anblick, der sich ihnen jetzt da unten darbot, überwältigt. Und die. Schönheit dieses Anblicks ließ sie erschauern und verstummen. Aus einem Gäßchen kam auf einem Brett oder auf einem Möbelstück — es war von oben nicht zu erkennen — eine junge Frau geschwommen. Ihr zu Füßen lag auf einem Gegenstand, der wie ein Ballen Stoff aussah, ein grauhaariger Greis. Die Frau war fast nackt. Die bloße gelbe Tunika, die sie um sich geworfen hatte, war durchnäßt und ihr von Armen und Rücken abgeglitten. Reizende runde Schultern kamen zum Vorschein, die edel geformt waren, und deren Linie gleich einem Wasserfall leicht nach unten schwebte. Ihr durchgebildeter muskulöser Rücken leuchtete in den Strahlen der Sonne, die mit seinen Muskeln spielten. Das volle, feine, schwarzglänz,ende Haar wallte auf den Leib herab und verdeckte die hohen, festen, strotzenden jungen Brüste, dsiie durch das Haar wie rosige Flecke hindurchschimmerten, gleich Sonnenstrahlen, die durch dichtes Laubwerk brechen ... Das Mädchen flehte aber nicht, erhob nicht hilfesuchend zu dem Pöbel ihre Hände, sondern hielt, als schämte sie sülch ihrer Nacktheit, ihren Kopf auf die Brust gesenkt; sie kniete und blickte nur mitleidig auf den Greis, der gleich einem Opfer, gleich einem Gemarterten ihr zu Füßen lag. Und ihr Gesicht, ihre ganze Gestalt drückten so viel Liebe und so viel Trauer aus, daß der Pöbel plötzlich eine gewisse Scham vor dem ganzen Schauspiel verspürte. Nacheinander verstummte das Geschrei, das Lachen, das Geräusch, und auf der Mauer wurde es totenstill. Der römische Pöbel, der an dem Anblick der Schönheit der göttlichen Bilder von jeher gewöhnt war, sah in der Frau etwas wie eine himmlische Erscheinung. Es schien den Leuten, als hätten sie diese Gestatt schon irgendwo gesehen, und auf viele wirkte sie wie eine Fata Morgana, wie etwas Übernatürliches. Es war ihnen, als wohnten sie einem Wunder bei. (Fortsetzung folgt)

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