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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 4 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 15

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
4 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 Romanbeilage des „Jüdischen Echos4 15 du Zehntausende von Menschen hast verbrennen lassen — und man wird erfahren, daß der Vatikan das getan hat, die Juden haben ja überall ihre Vertrauensleute, an allen Höfen befinden sich jüdische Ärzte und Finanzmänner —, so wird man es gegen die Kirche ausnutzen, es wird den Ketzern und Reformatoren neuen Anlaß geben, ihre erbitterten Angriffe gegen uns fortzusetzen, und schließlich werden dann dem Throne Christi weitere Völker und Länder verlorengehen.“ Der Papst runzelte die Stirn, schloß die Augen, als schlummerte er ein, und schwieg. Inzwischen stand in einer Zimmerecke an der Tür der Gouverneur von Rom mit dem Befehl des Papstes in der Hand und wartete auf den Entschluß des Heiligen Vaters. „Wieviel haben dir die Juden bezahlt?“ fragte schließlich der Heilige Vater den Kardinal. Eine Weile schwieg der Kardinal. Dann stand er auf, bekreuzte sich und sagte: „Gott ist mein Zeuge, daß ich nur im Interesse der Kirche sprach. Ersinne für die Juden Marter und Qualen so schrecklich wie du willst, aber tu’s so, daß niemand erfährt, daß es von der heiligen Kirche ausgeht. Die Juden haben sich zu einer Macht am Hofe des Sultans entwickelt. Könige und Fürsten suchen ihre Freundschaft. Außerdem sind sie über die ganze Welt verstreut und können für unsere Feinde eine große Hilfskraft werden.“ „Mögen Könige und Fürsten die Freundschaft der Juden am Hofe des Sultans suchen. Das Haupt des katholischen Glaubens will nichts mit dem Feinde Christi zu tun haben“, erwiderte der Papst in entschlossenem Tone. Jetzt ließ sich der Gouverneur von Rom vernehmen: „Heiliger Vater, wenn du die Juden nicht mit Feuer richten kannst, dann richte sie mit Wasser!“ „Wie meinst du das?“ fragte der Papst. Der Gouverneur deutete mit den Blicken auf den Kardinal. Darauf machte der Papst ein Zeichen mit der Hand, und Farnese verließ das päpstliche Schlafzimmer, in dem nur der Heilige Vater mit dem Gouverneur zurückblieb. „Das Wasser des Tibers tritt alljährlich aus seinen Ufern und überschwemmt das Ghetto,“ begann der Gouverneur, „und als du die Juden zwangst, die Mauern ihres Ghettos höher zu bauen, nutzten sie das schlau aus, indem sie die Ufer des Tibers durch hohe Dämme befestigten, so daß das Wasser sie nicht überfluten kann. Im September erwarten wir aber wieder ein Übertreten des Tibers. Befiehl, und wir werden insgeheim die Dämme abtragen. Wenn dann der Fluß wieder aus den Ufern tritt, muß das Wasser in das Ghetto eindringen, und alles, was sich dort in den Kellern befindet, wird ertrinken“, schloß der Gouverneur leise seinen Vortrag. „Du sollst aber meine getreuen Schweizer und die deutschen Soldaten dort als Wachtposten aufstellen, damit vierundzwanzig Stunden keine lebendige Seele die Tore des Ghettos verläßt“, befahl der Papst. „Zu Befehl“, verbeugte sich der Gouverneur vor Seiner Heiligkeit. „Und jetzt ruf den Judas — den Kardinal herin.“ Als Farnese wieder eintrat, hob der Papst die Augen gen Himmel und wandte sich an ihn in frorpmem Ton: „Nicht aus Liebe zu den Ungläubigen, noch aus Gründen materiellen Nutzens für Unser irdisches Leben tun Wir dieses, sondern für die Heilige Kirche, die Uns lehrt, Unsere Feinde zu lieben.“ Mit diesen Worten nahm der Heilige Vater seinen Befehl aus der Hand des Gouverneurs und warf ihn in den brennenden Kamin. Aber der Kardinal bemerkte dabei, wie in den blauen Augen des Papstes ein geheimes Feuer aufflackerte. 5 Die Überschwemmung Am 15. September des Jahres 1557 erfuhr Rom schon beim Erwachen, daß während der Nacht die Wasser des Tibers das Ghetto überschwemmt hatten. Der römische Pöbel, getreu seiner ererbten Lust an Zerstreuung und Aufregung, ließ ab von seiner sonstigen alltäglichen Beschäftigung und strömte massenweise zu den Ghettomauern hin, gespannt vor Neugier und erregt in der Erwartung des großen Schauspiels, das ihm dort bevorstand: zuzuschauen, wie Menschen mit dem Tode ringen würden. Die engen und schiefen Gäßchen um das Ghetto herum waren schon von frühmorgens an mit Männern, Frauen und Kindern überfüllt. Die einen gingen nach-dem Ghetto, die andern kamen von dort; alle hatten erhitzte, schweißtriefende Gesichter, allen leuchteten die Augen und alle lachten mit breit geöffnetem Mund und verkündeten einander die Nachricht: der Papst habe befohlen, die Ghettotore verschlossen zu halten. „Bis das Wasser von oben auf den Platz der Juden kommt“, riefen sie. „Nur die sollen verschont werden, die ihre Hände zum Kreuze ausstrecken und sich be-

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