Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 4 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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14 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 4 „Der Jude Josef Nassi hat am türkischen Hofe großen Einfluß. Er ist heute der Ratgeber des Sultans, und wir müssen seine Freundschaft gewinnen. Das Feuer von Ancona kostete uns den Handel mit dem Orient“, erwiderte ihm ruhig der Kardinal. „Will der Sultan dem Stellvertreter Christi vorschreiben, wie er sich gegenüber Ketzern und Feinden Christi zu benehmen hat?“ fragte der Papst wieder. „Rom ist ja nicht nur der Hauptsitz der Kirche, sondern auch die Hauptstadt eines Landes. Die andern Staaten Italiens sind dank dem Handel der Juden mit dem Orient reich geworden. Venedig, Ferrara, Urbino haben die jüdischen Ratgeber des Sultans für sich gewonnen. Und selbst Spanien, der Erzfeind aller Juden, sucht die Freundschaft des jüdischen Ministers Josef Nassi und hat seinen Gesandten in Konstantinopel angewiesen, mit ihm insgeheim zu unterhandeln. Das teilt man uns von der Pforte mit.“ Als der Papst das Wort „Spanien“ hörte, brauste er auf. Sein Gesicht wurde rot und seine Augen verloren ihren ruhigen Ausdruck, denn, so sehr er auch Juden und Marranen haßte — die Spanier, die mit ihm Krieg geführt hatten, haßte er weit mehr. „Ich werde dem Sultan aller Muselmanen, den Juden, Spaniern und allen andern Ketzern zeigen, daß in Rom noch der Stellvertreter Christi sitzt“, sagte er und erhob sich. „Geh und ruf mir meinen Vetter, den Gouverneur von Rom.“ Abends, als Kardinal Farnese beim Mahl saß, das die berühmte spanische Kurtisane Imperia gab, weil ihr afrikanischer Papagei endlich einen Vers Vergils zu deklamieren gelernt hatte, trat in die Villa, die am Ufer des Tiber stand, ein maskierter Mann ein und verlangte den Kardinal zu sprechen. Als ihn der Geistliche nach seinem Wunsche fragte, flüsterte er ihm ins Ohr: „Der Papst hat dem Gouverneur von Rom den geheimen Befehl gegeben, das Ghetto von allen vier Seiten in Brand zu setzen und darauf zu achten, daß niemand dem Feuer entgeht!“ Der Kardinal erblaßte und fragte: „Woher weißt du das?“ „Ich diene dem Kardinal von Venedig“, antwortete der Mann. Farnese stellte keine weiteren Fragen. Es war ihm bekannt, daß der Kardinal von Venedig der Mann war, der in Rom von allen am besten Bescheid wußte. Der Kardinal von Venedig lebte in Rom nicht nur als Kirchenfürst, sondern vor allem als Vertreter der venezianischen Republik. Es war Farnese kein Geheimnis, daß die venezianischen Spione, die im Dienste des Kardinals standen, alles, was am Hofe des Papstes vorging, früher erfuhren, als die Kardinäle selbst. Und daher wußte er, daß er sich auf den Mann verlassen konnte. „Junger Mann, ich weiß zwar nicht, wer du bist, aber du hast dich um die Kirche durch deine Botschaft sehr verdient gemacht, und ich spreche dir meinen Dank aus“, sagte der Kardinal. Der junge Mann aber erwiderte: „Dienst gegen Dienst —- ich möchte, daß du mich dafür über alle Gefahren informierst, die dem römischen Ghetto seitens des Vatikans drohen.“ „Was? Ein Freund der Juden?“ „Nein, ein Freund der Kirche.“ Mit diesen Worten nahm der junge Mann seine Maske vom Gesicht, und der Kardinal erkannte den Maler Pastila. „Pastila, der Maler von Venedig!“ rief er überrascht. „Was hast du denn im Ghetto zu suchen?“ „Ich habe dort mein Herz verloren“, erwiderte der Maler. „Das Auge aber wacht beständig dort, wo das Herz ruht“, bemerkte der Kardinal lächelnd. Es half nichts, daß die schöne Imperia Seine Eminenz kokett mit ihren Saphiraugen anflehte, denen, wie behauptet wurde, kein zweites Augenpaar in ganz Italien glich, er solle bis zu dem großen Augenblick noch bleiben, da man ihren Papagei in dem goldenen Käfig hereinbringen würde. Er wollte dem Vogel die Ehre nicht erweisen und verzichtete auf den Genuß seiner Deklamation. Der Kardinal begriff, daß das Leben von Zehntausenden wichtiger war als der Papagei. Allerdings dachte er dabei nicht an die Zehntausende und auch nicht an die Ehre des christlichen Glaubens, sondern an das Interesse der Kirche. Und eine halbe Stunde später lag er dem Papste in dessen Schlafzimmer zu Füßen und flehte ihn an: „Heiliger Vater, die Kirche ist in Gefahr. Aus Deutschland erhalten wir Nachrichten, denen zufolge die ketzerischen Theorien des abtrünnigen Luther sich wie die Pest verbreiten. Auch England fällt von uns ab. In Frankreich greifen ketzerische Ideen um sich. In den Städten verbrennt man öffentlich die päpstlichen Bullen. Peters Stuhl schwankt. Die Reformatoren gewinnen immer mehr Anhänger. Wenn nun die Welt noch erfährt, daß