Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 3 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158295--12733-9081765- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 3 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ U sechsundzwanzig Marranen wurden öffentlich verbrannt. Das war wohl der erste Scheiterhaufen, den die Inquisition auf italienischem Boden anzündete, und der den Juden wie Marranen einen tödlichen Schreck einjagte. Im Hause des Rabbi Josef Pinsi oder des „Kaufmanns von Kastilien“, wie er im Ghetto genannt wurde, kamen die Marranen zusammen, um insgeheim zu beten und zu beratschlagen. Auch Juden waren da, denn, obwohl das Judentum noch nicht verboten war, hatte man doch alle Synagogen mit einer einzigen Ausnahme geschlossen; und so griffen Juden und Marranen zu dem alten Mittel, das sie auch in Spanien und Portugal anzuwenden pflegten und versammelten sich in Geheimgewölben, um hier ihre Gebete zu verrichten und Versammlungen abzuhalten. Josef Pinsi war in Rom der Stellvertreter von Donna Grazia Mendesia, die schon damals mit ihrem Schwiegersohn Josef Nassi und mit noch fünfhundert Marranen und Juden von Ferrara nach Konstantinopel zum Sultan geflüchtet war, wo sie ihr Vermögen vor den Klauen der Inquisition in Sicherheit gebracht hatte. Ein großer Teil dieses Vermögens war ihr allerdings von dem König von Frankreich, dem Papst und andern kleinen Potentaten und Staaten, denen sie Geld geborgt hatte, geraubt worden. Doch sie verstand es, ihre Geschäftsbeziehungen mit den italienischen Hauptstädten insgeheim noch aufrechtzuerhalten und sandte ihre mit Waren beladenen Schiffe von Konstantinopel nach Italien an ihre Agenten, die sie überall im Lande hatte. Diese Mittelsmänner waren zu gleicher Zeit die Gesandten der Marranen. Durch sie bekam Donna Grazia von allen Seiten Nachrichten über die Lage der Glaubensgenossen, und sie waren es auch, die den Marranen behilflich waren, aus Orten, wo man sie verfolgte, nach den Ländern des Sultans zu flüchten. * In dem tiefen, mit Balken ausgelegten Keller, wo wir zum erstenmal den Maler getroffen haben, waren jetzt die Juden Roms versammelt. Der Abend nach einem heißen Sommertag war gekommen. Rom schlief nach der trockenen Schwüle an den Ufern des Tibers. In tiefer Dunkelheit lagen die schwarzen, schiefen Gäßchen des Ghettos, und ihre hohen, stummen Häuser erhoben sich wie Riesenschatten, die sich zu bewegen schienen, und es war, als huschten über die Gäßchen an den Hauswänden entlang einsame Gestalten, die durch einen geheimen Eingang alle in Josef Pinis Keller versanken. Dieser Keller war jetzt beleuchtet — die einzige beleuchtete Stätte in ganz Rom. In großen silbernen Leuchtern brannten Öldochte. An den dunklen Wänden standen beinahe gespensterhafte Gruppen von jungen und alten Menschen und disputierten. Ihre schwarzen Röcke und Kopfbedeckungen warfen furchterregende Schatten über die Mauern des Gewölbes. Bald aber wurde alles still. Die Anwesenden drängten sich zu einem Haufen zusammen und verstummten. Eine Türe öffnete sich, und der alte blinde Jude trat ein. Obwohl seine Augen, die in den breiten Höhlen saßen, tot waren, lag doch in ihrem Ausdruck so viel Geist, als sähen sie nicht die Nichtigkeit des Irdischen, sondern das echte Licht und eine andere Welt, die Welt der Wahrheit... Den Greis führte das Mädchen, das Pastila seinerzeit beim Kaufmann von Kastilien gesehen hatte. Sie hieß Jephtha. Aber sie war nicht des Händlers Tochter, sondern eine Enkelin des blinden Greises, der Jakob Medina hieß, nach dem Familiennamen der Abrabanels. Er hielt sich für einen Abkömmling der Familie Abrabanel und wurde für einen solchen auch von den Marranen und den spanischen Juden Roms gehalten, die ihn zu ihrem Führer gewählt hatten. Das Geschlecht der Abrabanels war während seiner vielen Wanderungen durch die Welt untergegangen. Viele seiner Mitglieder waren von Seeräubern unterwegs auf dem Meere gefangengenommen und als Sklaven verkauft worden. Viele kleine Kinder hatte man gewaltsam getauft, und von der ganzen Familie war nur der Greis und seine Enkelin übriggeblieben, die bei Josef Pinsi, dem Agenten der reichen Mendesia, wohnten. Zugleich mit dem Greis traten in das Gewölbe zwei Abgesandte, die zu den römischen Juden gekommen waren; der eine war aus der jüdischen Gemeinde von Ancona hierher geflüchtet, der zweite aber hatte erst vor kurzem Konstantinopel verlassen. Eigentlich war er als Abgesandter des Sultans Suleiman gekommen, um beim Papst wegen der türkischen Untertanen zu intervenieren; doch hatte er zugleich auch eine geheime Mission von der vornehmen Donna Mendesia an die Juden Roms übernommen. Im Gewölbe verstummte alles. Man hörte das Knistern der Dochte in den Öllampen. Auch die Schatten an den Wänden erstarrten und wurden unbeweglich wie die Menschen, die sich in dem Raume aufhielten. Der greise Rabbi Jakob ließ sich in einen tiefen Sessel nieder, und die Anwesenden traten, wie es bei den spanischen Juden und Marranen Brauch