Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 3 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 3 einem Bilde niederknien, das die Züge einer Ungläubigen wiedergibt? Aber sogleich erinnerte er sich an die Legende von der Geburt Christi und fragte sich: „Hat Gott nicht selbst sich eine Tochter dieses Volkes auserwählt? Gehörte nicht die ewige Reinheit, die Mutter Gottes, selber diesem Volke an?“ Das war ja eben das Unbegreifliche, Hohe und Mystische, das diesem Volke innewohnte, daß Gott es auserwählte, damit von ihm allein die Erlösung der ganzen Welt ausgehen sollte; und gerade unter seinen Jungfrauen fand Er die, die jene Schönheit besaß, nach der Er so lange gesucht! Der Maler erwartete den Vater und die Tochter vor der Kirchentür, und als beide erschienen, kniete er vor dem Mädchen nieder: „0 Madonna, du, die du ein Antlitz hast, das in die Menschenherzen Frömmigkeit und Edelmut pflanzen könnte, du hast kein Recht, deine Züge zu verbergen. Gott hat sie dir geschenkt, damit du die Menschen schöner und edler machst. Ich will nach deinem Urbild die heilige Madonna für die Kirche des „Heiligen Herzens“ malen. Menschen werden dein Gesicht sehen, werden vor ihm knien und zu ihm mit reinem Herzen beten. 0 Madonna, laß mich Gottes Werk für den Ruhm und die Herrlichkeit Seines Namens schaffen!“ Aber das Mädchen schwieg und senkte ihr Haupt zu Boden, genau so, wie sie es in der Kirche bei der Predigt des Priesters getan hatte. Sie hörte den Maler nur aus Angst und Achtung an. Dann aber entfernte sie sich mit kleinen Schritten hinter ihrem Vater und folgte ihm geneigten Hauptes. Der Maler aber, der sich auf ein Knie niedergelassen hatte, blieb auf seinem Platz. 3 Der Bannfluch Im Mai des Jahres 1556 übergab die Inquisition auf Befehl des Statthalters Jesu Christi, des Papstes, sechsundzwanzig Marranen dem Feuertode; die übrigen, die sich bereit erklärten, dem Christentum treu zu bleiben, wurden in Ketten gelegt und nach der einsamen Insel Malta verbannt. Das Feuer der Inquisition von Ancona traf das Judentum der ganzen Welt, vor allem aber die Juden Italiens, und brachte Unruhe und Leid in ihre Reihen. Seit Jahren fanden die Marranen von Spanien und Portugal, die ihre blutbefleckte und brennende Heimat verlassen mußten, ihr Asyl in den freiheitsliebenden italienischen Staaten, in denen damals der Geist der Aufklärung, Bildung und Menschlichkeit herrschte. Die Päpste Clemens IV., Paul III. und Julius III. gestatteten den vor der blutigen Inquisition geflüchteten Marranen, öffentlich zum Judentum zurückzukehren, ihre jüdischen Namen wieder anzunehmen und das von ihrem Glauben und ihren Sitten vorgeschriebene Leben zu führen. In der freien Republik Venedig nahm man sie mit offenen Armen auf. Von dort knüpften sie Handelsbeziehungen mit ihren Brüdern an, die in den Ländern des Sultans lebten, und förderten die Entwicklung und den Reichtum der Republik. Das erweckte aber den Neid der Fürstentümer Ferrara und Urbino. In dem Wunsche, die Marranen von Venedig zu sich herüberzulocken und die eigenen Hafenstädte durch ihren Handel mit dem Orient zu entwickeln, gewährten sie den Fremdlingen noch mehr Rechte, ließen sie Synagogen bauen, jüdische Druckereien gründen — was damals als höchster Beweis religiöser Duldsamkeit galt— und erlaubten ihnen, ihre Kinder im jüdischen Geiste zu erziehen. * In Ferrara, dem kleinen irdischen Paradies, dessen Fürsten Dichter und Maler um sich sammelten, und an deren Hofe man mehr über Vergil und Dante als über Staatsangelegenheiten disputierte, spielten die Marranen eine hervorragende Rolle. Sie waren Finanz- und Handelsminister und nahmen im gesellschaftlichen und staatlichen Leben die wichtigsten Stellungen ein. Im Jahre 1553, als Paul III. auf Grund der Denunziation des getauften Priesters Josef Moro in den Straßen Roms alle jüdischen Bücher mit Ausnahme des Sohar verbrennen ließ, sandten die Juden Roms und anderer italienischer Städte ihre Folianten insgeheim nach Ferrara und Urbino an die dortigen Marranen zur Aufbewahrung, um das jüdische Buch auf italienischem Boden nicht untergehen zu lassen ... Aber mit der Wahl Pauls IV. zum Papst änderte sich alles. Auf einen Geheimbefehl von ihm hin wurden in der von ihm beherrschten Hafenstadt Ancona die Marranen verhaftet und in die Folterkammern der Inquisition geworfen. Viele von ihnen waren türkische Untertanen, die nur auf kurze Zeit in Handelsgeschäften nach Ancona gekommen waren. Ein Teil rettete sich im letzten Augenblick und floh nach den anderen kleinen italienischen Fürstentümern, über die der Papst nicht mehr Herr war. Aber die meisten wurden in den Folterkammern der Inquisition zu Tode gemartert; sehr viele mußten nach verschiedenen Inseln in die Verbannung gehen und