Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 3 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 3 war, einer nach dem andern auf ihn zu und küßten ihm die Hand. Der Alte legte seine Rechte jedem einzelnen aufs Haupt und segnete ihn, indem er etwas mit den Lippen murmelte. Als diese Zeremonie zu Ende war, pochte Josef Pinsi, der Hauswirt des Gewölbes, leise an eine Geheimstelle in der Wand, die nach der Gasse zu führte. Draußen, vor dem Hause, an den Ecken der Gassen, waren nämlich Posten aufgestellt, junge Marranen, die aufpassen sollten, ob nicht die Aufseher der Inquisition irgendwo zum Vorschein kämen. Diese Wächter antworteten ihm jetzt mit verabredeten Zeichen, daß alles ruhig sei. Darauf zog Pinsi einen verborgenen Vorhang ausein.- ander: ein Thora-Schrein kam zum Vorschein, und alle Anwesenden erhoben sich, um das Abendgebet zu verrichten. Anfangs schwiegen sie, denn sie hatten einen Vorbeter; dann aber sprachen sie ihm die Gebete Wort für Wort nach. Nachdem das Schmona-Esre-Gebet verrichtet war, streckte der Greis seine Hand aus zum Zeichen, daß die Versammelten sich still verhalten sollten. Alles im Gewölbe verstummte. Da erhob sich der Abgesandte von Ancona, trat vor den heiligen Schrein und begann in kastilischer Sprache zu berichten, was in Ancona geschehen war. Er erzählte, wie man an einem Sabbatabend plötzlich alle Synagogen der Stadt überfallen und alle Marranen, Frauen und Kinder, in die Keller der Inquisition abgeführt und sie dort in jeglicher Weise gefoltert hatte, indem man sie an Räder und an Foltergeräte band. Viele waren bereits zu Tode gemartert. Viele hatten nicht vermocht, die Schmerzen auszuhalten und hatten den christlichen Glauben angenommen. Sie wurden in Ketten gelegt und nach der Insel Malta verbannt. Aber sechsundzwanzig der Verhafteten, unter denen sich auch die alte Donna Majora befand, hatten hartnäckig am Glauben ihres Stammes festgehalten. Und die Verfolger hatten diese sechsundzwanzig unter Absingen von Kirchenliedern mit Kirchenfahnen zu den Scheiterhaufen geführt, die für sie auf dem Stadtmarkte errichtet waren. Die alte Donna Majora ermutigte und bestärkte die Marranen in ihrem Glauben durch den Zuruf „Schmäh Jisrael“, und dann wurden alle verbrannt. Eine andächtige Stille herrschte in dem Gewölbe. Alle senkten den Kopf auf die Brust und bereiteten sich in Gedanken auf die Zeit vor, wenn auch ihre Stunde schlagen würde ... Plötzlich erhob sich der alte Rabbi Jakob von seinem Sitz, streckte die dürre* Hand aus, als sähe er jemand, und rief mit zitternder Stimme: „Gottgeweihte! Gottgeweihte! Geweihte!“ Und die Anwesenden wiederholten: „Geweihte!“ Und vielen entfuhr es plötzlich: „Verherrlicht und geheiligt sei Sein Name!“ Und alle Anwesenden antworteten ihnen: „Verherrlicht und geheiligt!“ Nachdem alles verstummt war, stellte sich der Abgesandte von Konstantinopel am heiligen Schreine auf und ließ sich vernehmen: „Was die gefangenen Marranen betrifft, die man nach Malta verbannt hat, so kann ich euch mitteilen, daß sie sich alle unter dem Schutze des großen frommen Sultans Suleiman — verherrlicht sei sein Ruhm — befinden, und alle öffentlich und ungestört dem einzigen lebendigen Gott dienen.“ „Wieso? Wieso?“ wurden fragende Stimmen laut. „Die edle Donna Grazia Mendesia, die eine Zierde unseres Volkes ist, trat mit ihrem Schwiegersohn, dem edlen Fürsten Don Josef Nassi, vor den Sultan, warf sich ihm zu Füßen und flehte um Gnade für ihre Brüder. Und der Sultan erhörte ihre Bitte und achtete ihre Tränen. Darauf entsandte Donna Grazia ihre Schiffe nach der Insel Malta, und diese brachten die Marranen nach der Hauptstadt seines großen Königreichs.“ „Gelobt sei Gottes Name von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ rief der Alte und erhob seine Hände gen Himmel. „Amen!“ antworteten ihm die Anwesenden. „Nun, ich bin von der edlen Fürstin Donna Grazia und dem Fürsten Don Josef Nassi zu euch gesandt worden, um euch kundzutun, daß keiner von euch noch ein Schiff nach Ancona senden soll. Niemand soll dorthin irgendwelche Waren verkaufen. Zwischen dem Fürsten von Urbino, der ein Feind des Papstes und ein Freund der Marranen ist, und den Juden des Sultanreiches ist ein ewiger Pakt geschlossen worden, demzufolge von nun an alle Schiffe, die nach dem Orient gehen, die Häfen von Ancona meiden und in Urbino Anker werfen sollen. Pesara, der Hafen von Urbino, soll nunmehr zum Hauptstützpunkt des jüdischen Handels werden. Dort sollen sich die Segel der orientalischen Schiffe sammeln, und in ihrem Schatten werden die Marranen in Frieden leben.“ Nachdem der Sendbote seine Rede beendet hatte, erhob sich der alte Rabbi Jakob und streckte seine Hand zu den Anwesenden aus. (Fortsetzung folgt.)