Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 3 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
3 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158295--12731-9081763
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

^imme der * en zu sein, l! lVor den; Menschen- > und sie ■' die in der : »Schmäh : nd alt, Kind 1 fe zur Erde 1 rschrak vor | te> er hörte I ^willkürlich and Pastila. \ das Fremd- Er bewun- [ mit gesenk-1 Hand rührte * i Kreuz, das > kte und das;• iesem Leben e den Glauf t all ihrem 1 d den er für I: t. Warum? ' tete er den I ben Tochter. f es ihm, als | Hand dem f i nein, auch I i die andern, f te etwas. I io christlich, f i zu sein!“ t aus wie die I :rau, zu der | i mit ihr zu s Erde neigte, lliche, über- \ i kindlichen f m Gesichte j wider. Aus | •igkeit; über j? webte reine k rspürte den | ie Hände zu | »einheih Hu as Leid der | ibe Mitleid!" | etzung folgt) | DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN VON SCHALOM ASCH (2. Fortsetzung) Vom ersten Augenblick an, da er sie erblickt hatte, hatte er die Absicht, sie als heilige Maria, als Mutter Gottes, zu malen. Denn die, der Gott sich gezeigt hatte, mußte ja auch solche traurige Augen und den Ausdruck eines übermenschlichen Leides um den Mund gehabt haben; in ihren Zügen mußten der gleiche Schmerzensschrei, der stumme Schmerzensschrei unserer Marter und das unendliche Erbarmen ausgeprägt gewesen sein. Vor diesem Antlitz werden Menschen niederknien; zu diesem Antlitz werden sie ihre Hände erheben und beten. Und diese Augen werden in die Herzen schmerzensreichen Edelmut pflanzen und innige Trauer, und stille, reine Liebe zu allen, allen, und unendliche Nachsicht und tiefes Erbarmen, genau so wie sie jetzt das alles in seinem Herzen wachgerufen hatten. * Pastila war durch und durch Venezianer. Er haßte Rom mit seinem triumphierenden, satten, herrschsüchtigen Äußeren. Er haßte die Kunst dieser Stadt, über alles aber den jungen Gott Raphael, der die christliche Welt mit der Schönheit seiner Frauenkörper, mit der Sattheit der bloßen, armseligen Mutterliebe beherrschte. 0 Venedig, die Stadt, die beschwingt ist durch die Segelschiffe aller Flüsse und Meere! 0 Venedig, das einer göttlichen Vision gleicht, in weißem Marmor verkörpert! 0 Venedig! Deine Kirchen und Paläste haben gleichsam Flügel und schweben in den Lüften! Doch über alles vergötterte Pastila die venezianischen Maler. Seine Lehrer waren Giorgione, Bellini, Tintoretto, vor allem aber der alte St. Angelico, dessen „Heilige Mütter“ er in Florenz gesehen hatte, Angelico, der die himmlischen Gestalten zur Erde herabgeholt und ihnen den Ausdruck kindlicher Unbeholfenheit verliehen hatte. Rom aber beherrschte der junge Gott Raphael, dessen Name die Welt wie ein Blitz (Copyright by R. Löwit, Wien, Leipzig) durcheilte. Ganz Rom, die ganze christliche Welt kniete und betete zu seinen Madonnen, deren Urbild seine Geliebte, eine Bäckerstochter, war. Durch seinen Pinsel und seine Palette versklavte und beherrschte er alle Künstler, die nach ihm kamen, und jede Madonna mußte der Geliebten Raphaels, der Tochter des römischen Bäckers, ähnlich sein; sonst hatte sie keine Aussicht, in einer Kirche aufgenommen zu werden, und ihr Schöpfer mußte Hungers sterben. Pastila trug schon damals, wie alle andern jungen Künstler, in sich den Protest gegen die Herrschaft Raphaels. „Nein,“ dachte er, „die Frau, die Gott auserwählt hatte, um sie das Leid der Welt gebären zu lassen, besaß nicht nur vollkommene menschliche Schönheit und unendliche Mutterliebe. Nein, sie war wohl tiefer und mannigfaltiger, da sie ihre Mutterliebe einem Höheren — der unendlichen Liebe der ganzen Welt opferte. Ihr Gesicht muß jenen mystischen Glanz besessen haben, bei dessen Anblick wir uns von irdischer Schönheit und irdischen Neigungen frei fühlen und von einer höheren, übernatürlichen, unbegreiflichen und grenzenlosen Liebe erfaßt werden.“ Und Übermenschliches prägte sich auch in dem Antlitz dieses jüdischen Mädchens, der Tochter des Kaufmanns von Kastilien, aus. In ihren Zügen sah der Maler jene unfaßbare Schönheit, die uns die Geheimnisse einer andern Welt enthüllt, und die er solange gesucht hatte. Zu diesem Antlitz werden Menschen beten, beten mit ganz anderen Gefühlen, mit reinem Herzen und nicht mit kleinlichem Verlangen nach einem Brocken dürftigen, menschlichen Glücks — so, wie man zu Raphaels Madonnen betet. Nein, anders, anders, frei von allen persönlichen Wünschen und von jedem kleinlichen Glücksstreben werden sie um ein erhabenes Glück, um eine höhere Erlösung beten. Doch wie, wie kann er als guter Christ die Tochter eines Juden zum Urbild der Mutter Gottes nehmen? Wie sollen gute Christen vor

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.