Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 2 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
2 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 7 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158293--12728-9081761
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 2 7 Romanbeilage des „Jüdischen Echos'* Rascheln eines Samtgewandes. Der Maler erblickte das Mädchen, geführt von zwei Soldaten. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, weil ihr Kopf und Gesicht durch den grünen Schleier, das Zeichen der Judenkinder, verhüllt war. Doch sah er, daß sie ihren Kopf, ihren kleinen, feinen, Kopf, der sich unter dem Schleier wie ein frischer, schöner Apfel abhob, tief gesenkt hielt. Hinter dem Mädchen aber ging der Händler, der, ebenso wie seine Tochter, gebeugt und zur Erde blickend, den Maler gar nicht ansah, obwohl er ihn offenbar bemerkt hatte. Pastila folgte ihnen. Am Eingang des Ghettos stand die Kirche Sancta Angelica. Diese Kirche, gleichsam ein Tor zum jüdischen Ghetto, trug unter dem Kreuze als Inschrift die Worte Jesaias: „Den ganzen Tag über streckte ich meine Hände zu dem störrischen Volke hin.“ Nach einem alten päpstlichen Befehl sollten die Juden jeden Sabbatnachmittag die Kirche füllen und die Predigt der christlichen Priester anhören. Allein die Juden leisteten diesem Gebot niemals Folge. Sie kauften sich mit Geld frei und hatten im Ghetto ihre zehn „Batlanim“ — professionelle Nichtstuer, die für alle Juden allwöchentlich am Sabbat in die Kirche gingen und sich dort die Predigten der Priester anhörten, um das Gesetz formell zu erfüllen. Das konnte ihnen ja sowieso nicht schaden, da die Mehrzahl dieser zehn Männer, die die Gemeinden als Vertreter in die Kirche sandte, taub waren und dazu sich noch die Ohren verstopften, damit so die Predigten der Christen ja keine Macht über sie erlangen könnten. Zur Zeit des Papstes Kalonimus IV., als Salomon Molcho sich in Rom aufhielt und seine mystische Wirkung auf den Papst zugunsten der Marranen ausnutzte, war der Befehl ganz außer Kraft gesetzt worden, und die Kirche im Ghetto wurde geschlossen. Erst in den Zeiten des „Papstes Haman“, wie die Juden Paul IV. nannten, wurde das Gesetz erneuert und verschärft. Als Prediger in dieser Kirche hatte der Papst einen getauften Juden, namens Josef Moro, angestellt. Dieser achtete streng darauf, daß alle Einwohner des Ghettos die Kirche regelmäßig an jedem Sabbat besuchten. Die Juden hatten aber Angst um ihre Kinder, denn Josef Moro war von gewaltiger Beredsamkeit und in ganz Italien als einer der wirkungsvollsten Prediger bekannt. So pflegten sie denn ihre Kinder zu Hause zu lassen und allein in die Kirche zu gehen, da sie ihrer selbst ja sicher waren. Allein Josef Moro wollte gerade zu jungen, unschuldigen Gemütern, in reine unbelastete Ohren sprechen und sandte deshalb jeden Sabbat die Kirchensoldaten in die jüdischen Häuser, um die Jugend gewaltsam zum Besuch der Kirche zu zwingen ... Als Pastila hinter dem Händler von Kastilien und seiner Tochter in die Kirche trat, war diese schon mit Frauen und Männern, Burschen und kleinen Kindern, Knaben in ihren Arba-Kanfoth, Jungfrauen und kleinen Mädchen gefüllt. Die Kirche sah aus wie eine Synagoge. Alles war mit hebräischen Zitaten aus den Propheten bemalt, die angeblich Andeutungen des christlichen Glaubens enthielten. An der östlichen Wand stand ein reichgeschnitzter Heiligenschrein, ähnlich dem Schrein, in dem die Juden die Thorarollen aufbewahren, über dem aber ein großes silbernes Kreuz hing... Große Wachskerzen brannten in einem jüdischen, silbernen, siebenarmlgen Leuchter, vor einem christlichen Heiligenbild... Josef Moro aber stand, in einen Talis — das jüdische religiöse Obergewand — gehüllt, auf der Erhöhung gegenüber dem Schrein. Er hielt in der einen Hand eine Thorarolle, in der andern ein Kreuz, und redete zu den Juden. Er richtete seine Worte an sie in ihrer eigenen Sprache — auf kastilisch — führte Zitate aus der Thora, den Propheten, dem Talmud und dem Midrasch an und brachte Beweise aus den kabbalistischen Büchern bei. Er drohte den Zuhörern mit der Hölle, verhieß ihnen das Paradies und schilderte dabei in lebhaften Farben einerseits Qualen und Pein der Hölle, und anderseits das Leben im Paradiese. Er erinnerte die Juden an die beschämende Erniedrigung, in der sie lebten, und an den Spott, dem ihre Religion preisgegeben war. „Und wo ist er, euer Gott?“ fragte er. „Und wo ist euer Messias? Warum antwortet er nicht? Warum gibt er euch keine Zeichen? Wieso seid ihr schlechter als die Gojim? Warum hat er euch zur Zielscheibe des menschlichen Spottes und der Verachtung gemacht?“ Dabei streckte er seinen Zuhörern die Thorarolle mit dem Kreuz entgegen und flehte sie an: „Kommt her, kommt her unter ihren Schutz!“ Seine Stimme war tief, von schwerem, metallischem Klang, und flößte seiner Zuhörerschaft Angst und Entsetzen ein. Seine Augen brannten, und sein Gesicht war blaß und traurig. Neben ihm saß der päpstliche Notar, mit einer großen Kielfeder und mit langen Pergamentstreifen versehen. Und wenn ein Jude zu der Erhöhung, auf der Moro stand, kam

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.