Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 2 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158293--12729-9081762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 2 und seinen Kopf unter das heilige Wasser hielt, bekam er sogleich von dem Notar einen Schein, der ihm das römische Bürgerrecht verlieh, ihn zum einzigen Erben aller väterlichen Habe einsetzte und ihm das Vermögen und die Häuser zu eigen gab, die der Papst den Juden, die außerhalb der Ghettomauern lebten, beschlagnahmt hatte. Auf der ersten Bank gegenüber der Estrade, auf der der Priester stand, saßen die zehn Batlanim. Zwei von ihnen, namens Chajim Adoni und Mordechai Alfi, waren die „Narren“ des Ghettos, die bei Hochzeiten und sonstigen festlichen Anlässen „Totentänze“ aufführten und beim Vorlesen der biblischen Strafpredigt in der Synagoge aufgerufen wurden. Ihre Aufgabe war auch, die jüdische Gemeinde von Rom in der Kirche zu vertreten. Chajim Adoni, ein noch junger Bursche,* tat so, als sei ihm eine Backe vor Zahnschmerzen geschwollen. Er hatte sich um das Gesicht ein wollenes Tuch gebunden, von einer Größe, die genügt hätte, daraus ein ganzes Gewand zu fertigen; natürlich kamen seine Ohren dabei gar nicht zum Vorschein, und nicht nur die Stimme des Predigers — mochte sie noch so laut und metallisch klingen — konnte nicht durch den Schutzwall dieses wollenen Verbandes dringen, sondern auch ein Kanonenschuß wäre nicht an sein Ohr gedrungen. Der zweite Narr aber hatte seinen Kopf, vor lauter Kopfschmerzen, mit Zitronen und weißen Handtüchern umbunden, so daß auch seine Ohren ebenso von der Rede des Predigers nichts vernehmen konnten. Der Priester geriet bei ihrem Anblick in so heftigen Zorn, daß er von der Kanzel zu der Bank der Narren herunterstieg, ihnen das Kreuz vor die Nasen hielt und sie mit der Faust nötigte, das Kreuz zu betrachten. Er riß die Tücher von der Backe des einen, die Handtücher vom Kopfe des anderen, und wollte sie zwingen, das Kreuz auch zu küssen; aber die Narren erhoben ein derartiges Geschrei über ihre Zahn- und Kopfschmerzen, daß man sie schließlich aus der Kirche werfen mußte. Darauf wandte sich Josef Moro an die Kinder, rief ihnen mit seiner metallischen Stimme Drohworte zu und flößte ihnen Angst ein. „Habt Mitleid, habt Mitleid mit euren Kindern, die ihr nur in Schande und Spott zerrt, so daß sie von allen verachtet und von allen verfolgt werden! Gewährt ihnen Schutz unter dem Kreuz!“ flehte der Abtrünnige. Aber die Kinder drängten sich an ihre Eltern heran, und von Ohr zu Ohr, von Vater zu Sohn, von Muter zu Tochter ging ein Murmeln, ein Flüstern: „Schmäh Jisrael!“ Und es war, als besäßen diese Worte Zauberkraft. Die Herzen bebten. Die Stimme der Generationen schien laut geworden zu sein, und flackernde Feuer erstanden vor den Augen der Zuhörer — brennende Menschenj leiber, vor Schreck geweitete Augen, und sie vernahmen zitternde Stimmen, die in der letzten Lebensstunde ausriefen: „Schmäh Jisrael!“ Und sie standen alle da, jung und alt, Kind und Mann und senkten die Köpfe zur Erde und murmelten gespensterhaft: „Schmäh Jisrael.“ Josef Moro verstummte und erschrak vor diesem Flüstern, sein Herz zuckte, er hörte sein eigenes Blut rufen und unwillkürlich murmelte er mit: „Schmäh Jisrael!“ In einem Winkel der Kirche stand Pastila. Er war erschrocken über all das Fremd-1 artige und Erhabene, das er sah. Er bewunderte die Kinder, die hartnäckig, mit gesenk- 1 ten Köpfen dastanden, denn keine Hand rührte sich, kein Blick erhob sich zu dem Kreuz, das i der Priester ihnen entgegenstreckte und das 1 ihnen Rettung bringen sollte in diesem Leben f und im Jenseits ... I Er begriff aber nicht, warum sie den Glau- 1 ben nicht annehmen wollten, der all ihrem 1 Elend ein Ende machen würde, und den er für I den einzig wahren Glauben hielt. Warum? | Warum? J Mit bebendem Herzen betrachtete er den; Kaufmann von Kastilien und dessen Tochter. : Einen Augenblick lang schien es ihm, als wollte das Mädchen jetzt ihre Hand dem : Kreuz entgegenstrecken — doch nein, auch sie senkte den Kopf zu Boden wie die andern, stand hartnäckig da und murmelte etwas. „Und dabei scheint sie doch so christlich, so göttlich, so edel und fromm zu sein!“ dachte der Maler. „Sieht sie nicht aus wie die Madonna, wie jene heilige Jungfrau, zu der j Gott selbst niedersteigt, um sich mit ihr zu vereinigen?“ Erst jetzt, als sie ihren Kopf zur Erde neigte,! sah er ihn ganz und das unendliche, übermenschliche Leid, das um ihren kindlichen Mund ausgeprägt war. In ihrem Gesichte spiegelte sich der Weltschmerz wider. Aus ihren Augen leuchtete eine Traurigkeit; über ihrer hohen gewölbten Stirn schwebte reine Frömmigkeit, und der Maler verspürte den Wunsch, vor ihr niederzuknien, die Hände zu j ihr zu erheben und zu beten: j „Heilige Maria, unschuldige Reinheit, Du l Lauterkeit der Seelen, die Du das Leid der Welt in Dir trägst, habe Mitleid, habe Mitleid!“; (Fortsetzung folgt.)