Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 2 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 2 und schmal nach unten, wie im Gesicht eines edlen jungen Hirsches. Aber am lieblichsten prägte sich das tiefe, unergründliche Leid, das im Gesicht des Mädchens lag, um die Lippen aus. Es war kein Mund zu nennen, es war ein lebendiger Schnitt im Gesicht. Er war ungewöhnlich klein und kurz, als wäre das Gesicht ursprünglich an dieser Stelle zusammengewachsen gewesen, und als hätte dann jemand die verwachsenen Lippen voneinander getrennt, aber mit sehr viel Liebe und Zartheit; so, als hätte eines Meisters Hand den Schnitt der Lippen sanft, gleich den Blättern einer jungen,kaum entwickelten rotenKnospe geformt, worauf sich der Mund wieder verschloß wie eine Blume über Nacht. Und so frisch wie der Tau, den dann die Nacht auf einer Blüte hinterläßt, war auch die kleine Öffnung dieses Mundes. Als das Mädchen aufblickte, war es dem Maler, als sähe sie eher mit dem Mund als mit den Augen... Pastila fühlte, daß in sein Herz dieselbe edle Trauer und zitternde Freude eingedrungen waren, die den offenen Augen und dem offenen Munde des Mädchens entströmten, und es schien ihm, als hätte er etwas Unwirkliches, eine Vision vor sich. Und das Licht der Ampel, vermischt mit dem zitternden Schein von Seide und Metall, die in den schattenverhüllten Zimmerecken funkelten, benahm ihm wie eine Wolke die Sinne und machte ihn trunken. — Als das Mädchen schließlich das fremde Gesicht erblickte, das durch das Fenster ins Zimmer sah, erschrak es nicht. Kein Ausdruck der Verwunderung trat in seine Augen. Es erhob sich nur vom Platze. Und Pastila sah, wie der schwere Samt über ihre Schultern und den runden Nacken hinabfiel, und hörte den angenehmen Klang des Schmuckes, mit dem ihr Kleid behängen war. Ihr lockiges Haar fiel auf das Gewand herab und verfloß mit dem dunklen Samt. Sie stand auf, trat an den Greis heran und legte ihre lange, gemeißelte Hand auf seine Schulter... Dann aber verschwand das alles plötzlich wie eine Sinnestäuschung, und statt dessen begann es vor den Augen des Malers golden und blau zu flimmern. Er blickte sich um und sah, daß der Jude, dessen Waren er vorher besichtigte, ein Stück Seidenzeug über das Fenster warf und alles, was im Zimmer vor sich ging, verhing. „Echter florentinischer Damast,“ sagte der Jude, auf den Stoff weisend, „mit Gold und Purpur gewirkt...“ 2 Heiliges Schweigen Pastila gab sich alle Mühe, das jüdische Mädchen, die Tochter des Händlers, die er durch das Fenster gesehen hatte, noch einmal zu erblicken. Allein es bot sich ihm keine Gelegenheit dazu. So oft er in das Ghetto kam, fand er das Haus auf dem „Platz der Juden“ verschlossen. Das Gewölbe, in dem er das erstemal den Juden getroffen hatte, war nicht wiederzufinden. Es war überhaupt nicht wiederzuerkennen, daß dort früher einmal eine Schiebetür gewesen war. Das Haus stand wie taubstumm da. Die kleinen Fenster, die oben hervorguckten, waren mit ineinandergebogenen Eisenstäben vergittert und von innen so verhangen, daß der Maler nicht erkennen konnte, ob im Innern des Hauses jemand wohnte oder nicht. An dem eisernen Wetterfähnlein, das der Wind an einer eisengehämmerten Stange hin und her bewegte, bemerkte der Maler ein von der Zeit bereits abgenutztes Wahrzeichen des alten Kastilien; von den Nachbarn aber, die ab und zu über den Platz liefen, vermochte er nichts zu erfahren. Die Juden ängstigten sich vor ihm und wichen ihm aus. Schließlich gelang es ihm aber doch, wenigstens auszukundschaften, daß der Jude, der in dem verschlossenen Hause wohnte, „der Kaufmann von Kastilien“ hieß. Er war ein reicher Mann und Vertreter des großen Handelshauses der reichen Marranin Donna Grazia Mendesia, der Schutzmutter der Marranen, die sich zuletzt in Konstantinopel niedergelassen und ihre Geschäftsverbindungen über alle Länder ausgebreitet hatte. Einmal stand Pastila auf dem Platz im Ghetto. Es war wohl ein Sabbat, denn Pastila wunderte sich über die Ruhe, die überall herrschte. Alle Häuser waren verschlossen. Selten sah man jemand über den Platz gehen oder zum Fenster hinausblicken. Plötzlich vernahm Pastila Lärm. Er wandte sich um und sah päpstliche Aufseher und Kirchensoldaten, die aus verschiedenen Häusern junge Mädchen und junge Männer herauszerrten und sie abführten, unter Geschrei und Weinen der Eltern, die den Gefangenen in unverständlicher Sprache noch etwas zuriefen. Pastila war erstaunt. Er traute seinen Augen nicht: an dem kastilischen Hause, in dem der jüdische Händler wohnte und das die letzte Zeit über stets verschlossen und tot dagestanden hatte, ging plötzlich die altbekannte Gewölbetür auf, darüber wurde eine Treppe auf die Gasse hinabgelassen, und dann vernahm er auf einmal über der Tür das