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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 2 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
2 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS" DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN VON SCHALOM ASCH (Copyright by R. Löwit, Wien, Leipzig) 1. Fortsetzung. Und obwohl sie fern und unklar klang, unterschied der Maler doch, daß sie in fremden, ihm unbekannten Worten bebte. Die zitternde Weichheit dieser Stimme sowie die Unverständlichkeit der Worte reizten den Maler. Schon längst hatte er bemerkt, daß aus einem in der Erkerwand angebrachten Fensterchen ein Licht hervorschimmerte. Er begriff, daß dort, hinter dem Fensterchen, die Innenzimmer der Wohnung des Juden lagen, und daß von dort auch die singende Frauenstimme herüberdrang. Neugierde erfaßte ihn, und er hätte gar zu gerne einmal dorthineingespäht, um zu sehen, was da eigentlich war. Allein er fand keine Gelegenheit, sich dem Erker zu nähern, da der Jude ihn fortwährend in der Nähe des andern, auf der Gassenseite eingebauten Fensterchens festhielt, wo er ihm seine Seidenstoffe zeigte. Aber Pastilas Interesse für die glänzenden Gewebe war längst erlahmt: seine Aufmerksamkeit wurde jetzt von der hereinklingenden Frauenstimme völlig in Anspruch genommen. Zuerst hatte er ihr keine Aufmerksamkeit geschenkt. Dann aber horchte er von Zeit zu Zeit auf, und trotzdem ihm die Worte unverständlich und der Ton fremd war, ging ihr Klang ihm immer tiefer zu Herzen. Das Beben und die leise Tiefe dieser Stimme und die ihr entströmende edle Keuschheit, das alles ließ im Innern des Malers etwas erzittern. Endlich aber bot sich ihm doch eine Gelegenheit, dem Fenster näherzutreten. Der Jude begann nämlich einen neuen Kasten mit Seidenstoffen auszupacken und war mit den vielen eisernen Klammern und Schlössern beschäftigt, durch die der Kasten geschlossen war. Da trat Pastila an das Fenster und blickte hinein. Er blieb wie angewurzelt stehen. Beim Schein einer silbernen Öllampe erblickte er einen Greis, der in Tücher eingewickelt dasaß, und ein Mädchen, das ihm zu Füßen auf einer kleinen Bank hockte und aus einem Buche singend vorlas. Der Greis mußte blind sein, — seine Augen waren geschlossen, sein Gesicht wie von einem Netz von Falten überzogen. Die losen grauen Haare seines Bartes bewegten sich über seiner Brust. Das Gesicht des Mädchens vermochte der Maler dagegen zuerst nicht genau zu sehen. Sie saß über ihr Buch gebeugt, das auf ihren Knien lag, und Pastila konnte nur die Falten eines blausamtenen Gewandes sehen, das von ihren runden Schultern herabfloß. Der Schein der Öllampe, die über dem Mädchen an einem dicken Balken hing, fiel ihr wie ein Schirm über Kopf und Schultern und beleuchtete sie. Der Glanz ihres Haares war von demselben perlenartigen Schimmer, wie der Samt an ihren Schultern, und ihr ganzes Wesen schien von perlengleichem Morgentau überhaucht zu sein. Bald aber hob sie ihren Kopf und sah sich ängstlich um, wie wenn sie den Blick und die Anwesenheit des Fremden gefühlt hätte. Allein sie hatte den Maler, der durchs Fenster spähte, noch nicht entdeckt, als Pastila ihr Gesicht bereits mit Blitzesschnelle erblickt hatte. Der edle Anblick ließ sein Herz erschauern, seine Augen füllten sich mit Tränen und eine andächtige Stimmung erfaßte ihn. Es war ihm, als sähe er eine übermenschliche Erscheinung, ein Wunder Gottes. Zwei ruhig-traurige Augen blickten zu ihm auf. Noch nie war er so traurigen Augen begegnet. Sie waren von mandelförmigem Schnitt, wie die Augen eines ägyptischen Knaben, halbgeschlossen. Die Lider zitterten und die Härchen der Wimpern zitterten ebenfalls, wie bei einer Taube, die Mitleid erweckt bis zum Wehleid, nur daß die Augen des Mädchens nicht Mitleid, sondern eine tiefe, übermenschliche Traurigkeit aufkommen ließen. Ihre Stirn war rund, gewölbt und sehr hoch, wie die der heiligen Anna auf dem Bilde Leonardo da Vincis. Sie war so breit wie die Stirn ihres Vaters, indessen senkten sich zuweilen die Linien ihrer Kinnbacken länglich

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