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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 1 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 3

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
1 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' kannten, das sich ihm darbot: von den Juden in den gelben Tuniken und grünen pfotenartig herabfallenden Schlapphüten, von den gelben jüdischen Abzeichen, die die Gestalt eines S hatten und auf der Brust angebracht waren, von den Frauen mit ihren verhüllten Gesichtern und zwei blauen Streifen auf dem Schleier, zum Zeichen, daß sie Jüdinnen waren; von den Hemden, die sie über ihren Tuniken trugen, und den vielen Diamanten und Edelsteinen, die aus ihrem Haar hervorleuchteten; von den langen, ehrwürdigen, blauen Samtröcken, die einige der Männer anhatten zum Zeichen, daß sie reiche, angesehene Leute waren, und ihren Mänteln, die denen der Dogen von Venedig ähnlich waren, von den Kindern, die über ihren gelben Tuniken große „Arba-Kanfoth“, rituelle Gewänder, trugen, deren Rand mit blauen und goldenen Stickereien geschmückt war, und deren Quasten nachschleppten und den Kleinen beim Laufen ins Gesicht schlugen. Dann der ganze Handel und Wandel, das Feilschen der Leute miteinander, Geldwechsel, Hausieren mit Waren — mit farbigen Kleidern und Ballen von Leinen, Samt und Seide —, all das fesselte die Aufmerksamkeit des Malers. Sein Interesse wurde von diesem fremdartigen Reichtum, der sich vor seinen Augen ausbreitete, ganz in Anspruch genommen. Es war ihm, als hätte er sich in eine orientalische Stadt verirrt, auf einen der Märkte des weiten Arabiens, im Reiche des Sultans, von dem ihm die Kaufleute und Matrosen, die nach dem Orient reisten und aus der Türkei Waren nach Venedig brachten, so viel erzählt hatten. Eine Gestalt aber, die auf der Schwelle eines Hauses saß, fiel ihm besonders auf. Es war ein hochgewachsener, hagerer, schmalwangiger Jude, mit ungewöhnlich hoher Stirn und langem Bart, der am Kinn breit ansetzte und nach unten spitz auslief. Das Gesicht, das unter dem hohen Judenhut mit der herabfallenden Spitze hervorsah, erinnerte an Heiligenantlitze, wie sie auf den primitiven byzantinischen Heiligenbildern zu sehen sind, wie man sie oft in alten italienischen Kirchen findet. Pastila war von diesem Anblick überrascht. Er ging auf den Juden zu, und je mehr er sich ihm näherte, desto erstaunlicher erschien ihm die Ähnlichkeit des Mannes mit einem byzantinischen Heiligenbild. Die Augen des Juden waren blau und rund und lagen starr und unbeweglich in den Augenhöhlen unter den runden, bogenförmigen Brauen. Die Hausschwelle, auf der der Mann saß, war eigentlich gar keine Schwelle, sondern mehr eine Art Schiebetür eines Gewölbes, die halb offen stand und wie ein Tisch ausgezogen war. Auf diesem Tische hatte der Jude um sich herum verschiedene Stoffe, alte und neue, ausgebreitet. Farbige Röcke, farbige Tuniken und rotgeblümte Seidenstoffe lagen da, die wie Sonnenstrahlen leuchteten, perlenschimmernde Gewebe, die in Falten niederfielen und einen Lichtglanz ausstrahlten wie die funkelnden Schuppen eines Fisches, oder wie die Flügel gewisser Sommervögel. Alles lag durcheinander, aber sobald der Jude den vornehmen Herrn auf sich zukommen sah, ballte er die Ware schnell zusammen und versteckte sie unter den langen breiten Schößen seines Mantels. „Sei gegrüßt, edler Herr“, verbeugte sich der Jude vor dem jungen Manne, noch bevor der Maler ganz in seiner Nähe war. „Sei gegrüßt, Jude“, antwortete Pastila. Und noch bevor der Händler etwas erwidern konnte, fuhr er fort: „Versteck’ nicht deine seidnen Stoffe, Jude. Ich bin kein Steuermahner vom päpstlichen Staatsschatz und auch kein Ordnungsaufseher der heiligen Kirche. Ich komme nicht, um dich zu überwachen. Ich bin ein Maler aus der Stadt Venedig und Bürger der venezianischen Republik. Ich stehe in Diensten Seiner Heiligkeit des Kardinals von Venedig. In das Ghetto bin ich gekommen, um Seidenstoffe zu kaufen zur Ausschmückung meiner Modelle für die Fresken, die ich für die Kirche vom ,Heiligen Herzen4 male. Zeig4 mir also ruhig deine Ware, Jude, ich zahle dir mit guten goldenen Dukaten.“ Und bei diesen Worten klimperte der Maler mit seinem ledernen Beutel, den er am Gürtel trug und der mit Münzen^ vollgepfropft war. Als der Jude die Stadt Venedig nennen hörte, das Asyl aller unter dem Joche des Papstes stöhnenden Marranen und Juden, empfand er sogleich Sympathie für den Goi. Doch zugleich überkam ihn auch Angst vor dem Fremden, denn das Gesetz, welches den Juden den Handel mit den Christen untersagte, war sehr streng. „0 edler Herr, entschuldige meine Rede! Der edle Herr weiß sicherlich, daß der Heilige Vater, Paul der Vierte — Gott schenke ihm langes Leben und Sieg über alle seine Feinde — uns verboten hat, mit den Christen Geschäfte zu machen. Weshalb also willst du einen armen Juden in Versuchung führen? Das Geld lockt ja, besonders die echten venezianischen Golddukaten, die in allen Ländern des Sultans in Umlauf sind“, sagte der Jude, der auf diese Weise erfahren

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