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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 1 (1928) Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 4

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
1 (1928) Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 1 wollte, was für Münzen der edle Herr in seinem Beutel hatte. „Du hast richtig geraten“, und der Maler klimperte abermals mit dem Geld. „Es sind echte venezianische Dukaten, die in allen Ländern des Sultans in Umlauf sind. Nicht halb mit Blei geprägte, wie sie der Heilige Vater seine Untertanen für vollwertiges Geld zu nehmen zwingt. Also keine Angst, Jude! Verkauf mir deine Waren; sind sie ja doch für den Kardinal von Venedig bestimmt, und wir Venezianer verstehen sehr wohl, ein Geheimnis zu wahren,“ fuhr der Maler fort, ihm zuwinkend, „und dann weißt du doch, daß der Heilige Vater nur dem einfachen Volke verboten hat, mit den Juden Handel zu treiben, nicht aber sich selbst und den Ka-*dinälen, für die keine Gesetze gelten.“ „Oh, für den Kardinal von Venedig? Wer wird da wagen, seine Schätze Seiner herrlichen Heiligkeit vorzuenthalten? Bitte, gnädiger Herr, tritt ein! Ich habe Schätze, die wert sind, den Palast des Sultans aller Türken zu schmücken.“ Mit diesen Worten erhob sich der Jude von seinem Sitz im Fenstergewölbe, verschwand für einen Augenblick, steckte dann wieder seinen Kopf unter einer kleinen Tür hervor, die irgendwo unter dem halboffenen Fenster verborgen war, und forderte den Maler auf, einzutreten. Pastila war veiwundert, als er hinter dem Juden durch die kleine Öffnung in das Gewölbe kroch. Tiefe Dunkelheit herrschte im Innern. Ein niedriger, sechskantiger, geteilter Balken hing über seinem Kopf; Wände erblickte er nicht: sie verschwanden im dunklen Nebel. Nur hier und da entdeckte er einen Erker, der am Tage von der kleinen Flamme einer mit Öl gefüllten Ampel erhellt wurde. Beim Lichte dieser Ampel glänzten und funkelten dem Maler verschiedene Stoffe entgegen. Da glühte zusammen mit dem Lampenlicht ein Stück flammenden Samts auf, das zwischen den Falten die Strahlen seiner Farben barg; dort leuchtete ein anderes Gewebe. Hier und da funkelte es vor seinen Augen, doch der Maler konnte nicht genau unterscheiden, was es war — er sah nur, daß Winkel und Erker allerlei Waren bargen. Unterdessen schleppte der Jude einen Kasten heran, und als er diesen öffnete, staunte der Maler über die Schätze, die zum Vorschein kamen. Der Kasten war vollgepfropft mit verschiedenen genähten und gewebten italienischen und orientalischen Seiden-, Woll- und Brokatstoffen, die ein vielfarbiges Licht ausstrahlten. Nun holte der Jude ein Stück Seide nach dem andern hervor und trug sie alle nach dem Fensterchen, das mit dicken eisernen Stäben vergittert war, durch die knappe Lichtstrahlen in das Kellergewölbe drangen. Er hob die Stoffe auf und ließ das Tageslicht auf sie fallen, damit Pastila den reinen Glanz ihrer Farben besser bewundern könnte. Der venezianische Maler, der an das Schillern der Seide sehr wohl gewöhnt war, konnte sich dennoch nicht von dem Anblick der Webstücke losreißen. Ihr Glanz und Goldschimmer sättigten sein Auge mit einem Farbenreichtum, der ihn trunken machte wie guter alter Wein. Es waren da persische Seidenstoffe, die in allen Schattierungen glänzender Schlangen schillerten; andere glitzerten, als wären sie mit auserlesenen Edelsteinen besetzt; und wieder andere wirkten durch den edlen, frauenhaften, bescheidenen Reiz der Perlen. Ferner bekam er Samtstücke zu sehen, die schwarz waren wie die Nacht und tief wie das Meer, dann wieder andere von der Farbe des Bernsteins. Und während der Jude sie alle gegen das Licht hielt, schien es dem Maler, als seien Sonnenstrahlen in die seidenen Gewebe gebannt, als strömten diese Strahlen ihr Licht aus dem Inneren der Stoffe aus, und als hielte der Jude in seinen Händen ein Sonnenstrahlenbündel. Das karge Tageslicht verfehlte nicht, auch auf den weißen Bart und auf die blassen Züge des mit seinen Seidenstoffen am Fenster stehenden Mannes zu fallen. Und Pastila war von seinem Gesicht, das in dieser Beleuchtung ganz wie ein Heiligenbild aussah, nicht weniger entzückt als von den Seidenstoffen. Es machte auf den Maler einen so starken Eindruck und reizte so sehr seinen künstlerischen Instinkt, daß er den Zweck seines Kommens ganz vergaß und den Kaufmann aufforderte, ihm all seine Stoffe und Waren zu zeigen, nur um unterdessen sein Gesicht länger betrachten zu können. Wie jeder Künstler es bei einer derartigen Gelegenheit getan haben würde, beabsichtigte Pastila, die Züge des Juden für eins seiner Heiligenbilder zu benutzen; als ihm aber einfiel, daß es das Gesicht eines Ungläubigen war, verzichtete er als guter, frommer Christ auf diesen Gedanken ... Während der ganzen Zeit, da der Maler sich in dem Kellergewölbe aufhielt, hörte er eine Stimme, die in das Gewölbe hereinklang, als käme sie von weit her, als dringe sie durch dicke Wände und Mauern hindurch. Es war eine Frauenstimme. Bald schien es, als sänge sie, bald, als betete sie. (Fortsetzung folgt.)

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