Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 1 (1928) Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 1 oben, führten ein Stockwerk auf dem anderen auf, bauten Brücken über die schmalen Ghettogassen und errichteten auf diesen Brücken Häuser um Häuser, Türme, Tore und Erker — ein Haus überragte das andere, ein Turm war höher als der nächste — so daß man die Giebel des Ghettos über dessen Mauern ragen sah. Der Papst befahl, die Türme niederzureißen — die Juden vergruben sich in der Erde und bauten Gewölbe und Keller. Lange Korridore führten zu unterirdischen geräumigen Wohnungen, in denen Dutzende und Hunderte von Familien lebten, Hochzeiten hielten, Beschneidungsfeste feierten und Synagogen bauten, so daß sich dort schließlich ganze Gemeinden bildeten. Allein die Juden mauerten sich in dem Ghetto nur zum Wohnen ein, kaum jedoch ertönte das Trompetensignal auf den sie einschließenden Mauern, so schwärmten sie aus den Toren in die Ruinen der alten Stadt hinaus, um dort Handel zu treiben. Obwohl es den Juden streng verboten war, mit den Christen zu handeln, und obwohl der Papst es den Christen unter Androhung des Kirchenbanns untersagt hatte, mit den Juden in Beziehungen zu treten — so konnte er gegen dieses Treiben doch nichts ausrichten. Die päpstlichen Aufseher und Denunzianten wurden bestochen. Aus ganz Rom strömten die Bewohner zu den Toren des jüdischen Ghettos, um bei den Juden Waren einzukaufen. Die schönsten, sonnenhell glitzernden, goldglänzenden damastenen Gewebe bekam man bei den Juden, ebenso wie andere orientalische Stoffe, indische Gewürze, Pfeffer und Wohlgerüche, die sie auf geheimen Wegen aus der freien Republik Venedig bezogen, wo Schiffe aus Konstantinopel, Smyrna und anderen Häfen Kleinasiens einliefen. Außerhalb der Mauern des Ghettos aber versank die Pracht und Herrlichkeit, der Ruhm und die Größe der einstmaligen Feinde der Juden in Schmutz und Staub. Die Tempel der Venus und des Apollo lagen halb zerstört. Die Triumphbögen, die die Römer zu Ehren der Besieger der Juden — Titus und Cäsar, Augustus und Konstantin — errichtet hatten, gerieten in Vergessenheit. Die in Schmutz und Feuchtigkeit verfaulten Götter hat erst Michelangelo wieder ans Tageslicht geholt und für die Museen des Vatikans gesammelt. Die Marmorblöcke ihrer Tempel brach er aus und verwendete sie für den Bau einer Kirche für den Gott Christus. Aus dem Triumphbogen des Augustus baute man aber ein Mauer für das jüdische Ghetto, und vom Titusbogen schlugen Buben mit Steinen die Reliefs ab. Auf den Ruinen der Tempel der Aphrodite breiteten die Juden ihre Waren aus und boten sie feil. Die Marmorplatten der eingesunkenen Tempel schafften sie beiseite und stellten auf ihnen ihren indischen Pfeffer, ihre orientalischen Gewürze und farbigen Stoffe zur Schau, auf den Marmorsteinen des Triumphbogens des Titus verkauften sie Fische aus dem Tiber, und von einer Generation zur andern pflanzte sich das Lachen fort über die jüdischen Waren auf den Ruinen der alten Götter. Es war, als wollten die Juden sich an ihren Besiegern rächen, und gar mancher Jude dachte sich insgeheim: Ebenso wie wir heute auf den Ruinen der Tempel der Venus und des Apollo Fische und Gewürze verkaufen, genau so werden später einmal unsere Kinder ihre Waren auch auf den Ruinen der christlichen Kirchen ausbreiten, die heute mit so stolzer Herrlichkeit von den römischen Hügeln auf die Welt herabblicken, genau so wie einst die Tempel der Venus und des Apollo... I. Verborgene Schätze Auf dem „Platz der Juden“ im römischen Ghetto, den Papst Julius II. mit Steinen pflastern und mit einem Renaissancebrunnen hatte schmücken lassen, spazierte eines Tages der venezianische Maler Signore Cesare Pastila umher. Pastila war ein Mann von einigen zwanzig Jahren, mit einem schmalen Gesicht und tieftraurigen Augen. Sein Haar war ungleich geschnitten. Es fiel über seine Schultern in langen Locken, die den Eindruck erweckten, als kümmerte sich ihr Besitzer nicht sonderlich um sie, und die herabhingen und wuchsen, wie die Natur sie eben wachsen ließ. Sein Backenbart war lang und sah wie die Wickellöckchen der Juden aus, was seinem Gesicht einen noch melancholischeren Ausdruck verlieh. Der Maler ging ohne bestimmtes Ziel umher. Er war in das Ghetto durch einen Zufall geraten. Durch jene schmutzigen Gäßchen schlendernd, die zum Tiber führten, und in denen von alters her die Diebe und Dirnen von Rom hausten, hatte er sich unversehens in das Ghetto verirrt. Die engen, schmalen Gassen und die ummauerten Häuser mit ihren Türmen und Erkerzimmern, die über den Gäßchen in der Luft hingen, überraschten ihn. Sein Blick wurde gefangengenommen von all dem Fremdartigen und Unbe-