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Das jüdische Echo · 1928-12-28 · 52 (28.12.1928) · p. Seite 835

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
15 (1928)
Issue
52 (28.12.1928)
Date
1928-12-28
Page
Seite 835 (sequence 11)
Language
German
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Literarische Beilage Der letzte Waldiude* Die Berliner jüdische Buchgemeinde „Der Heinebund“» ha't 'Sich ein wirkliches Verdienst erworben, indem sie das Werk Opatoschus, des in Amerika schaffenden jüdischen Dichters, im Original „Polnische Wälder“ betitelt, dem deutschlesenden Publikum erschlossen hat. Dieser großangelegte Roman hat, wie man weiß, bei seinem Erscheinen in der jüdischen literarischen Welt und in der jüdischen Presse allgemeines Aufsehen erregt, hat viele laute Zustimmung gefunden und ist verschiedentlich auch strengen kritischen Analysen unterworfen worden. Man versteht dies; denn Opatoschus Werk ist Bedeutsamkeit in keinem Falle abzusprechen und es ist insoferne epochemachend in der jiddischen Literatur, als es ihr einen neuen und geschichtlich wichtigen Stoffkreis erobert. Opatoschu gehört zu den „Jüngeren“ der jiddischen Literatur. Die Welt seines Schaffens ist nicht mehr der enge, aber so wunderbar geschlossene Kreis, aus dem ein Mendele, Scholem Alechem oder Perez ihre Gestalten holten; seine ■jüdische Welt kennzeichnet Unsicherheit und Problematik, neuartige Beziehungen eröffnen, alte lockern sich, Festgegründetes gerät ins Wanken. Mordechai, die Hauptfigur des Romans, ist der letzte Abkömmling eines Geschlechts lebensstarker Waldjuden, die, in Wohlstand lebend1, wie rechte Herren in ihren Pachtwäldern walten; eine naturnahe, kraftfrohe und heißblütige Familie, die Männer mit wenig jüdischem Wissen eine naive Frömmigkeit verbindend, dabei glühende Chassidim aus Familientradition. So wächst auch Jung-Mordechai in den weiten Wäldern auf, von Lehrern (Melamdim) im Nötigsten unterwiesen, in naher Berührung mit den Fischersippen am großen Waldstrome, deren naiver Christenglaube seltsam durchsetzt ist von uraltem Naturmythus, der hier hart an Mordechais chassidische Mystik stößt. Mordechais Jugendliebe zur jungen Tochter des armen jüdischen Pächters, der die in ihrem Standesgefühl verletzten Eltern stärksten Widerstand entgegensetzen, bestimmt seinen weiteren Lebenslauf: er wird an den „Hof“ des chassidischen Rabbi von Kozk geschickt, wo er in Berührung mit der niedergehenden chassidischen Mystik wie mit der jüdischen „Aufklärung“ der Haskalah tritt und neue jüdische Typen kennenlernt, die geistig und physisch aus der Ghettoenge den Schritt in die große Welt getan haben. Mordechai wandelt sich, wird plötzlich von der polnischen Unabhängigkeitsbewegung mitgerissen, stachelt die getretenen Knechte gegen die Gutsherren auf, wird von den Behörden gesucht und beschließt, seinen schon früher gehegten Entschluß zu verwirklichen und Polen zu verlassen, um den unbekannten Weg zu schreiten nach einem ihm noch unbekannten Ziel. In diesem Rahmen ist eine bunte Reihe bewegter Bilder und Szenen gespannt, eine abwechslungsreiche Fülle der verschiedenartigsten Sphären, gesellschaftlichen, religiösen und geistigen, treten handelnd auf, schlichte Traditionsjuden, Ek- 1 J. Opatoschu: „Der letzte Waldjude“, Roman. Aus dem Jiddischen übertragen von Siegfried Schmitz. 1928. (Verlag: „Der Heinebund“, Berlin.) Statiker, Chassidim von Kozk, Aufklärer und „europäisierte“ Schwärmer, Nachklänge des „Frankismus“ spielen in die Handlung hinein und ebenso die polnische Freiheitsbewegung. . Das Werk will kein historischer Roman sein, nichtsdestoweniger treten darin historische Personen auf geschichtlichem Hintergründe handelnd auf — so Nachklänge an den jüdischen Freiheitskämpfer Berek Josseowitsch, ein Teilnehmer am polnischen Aufstand, der das Ende der Kirche vorauszusehen glaubt und, ein Schüler von Moses Heß, das messianische Königreich aufrichten möchte, sowie Rabbi Mendele von Kozk. Der Dichter will die inneren Triebkräfte einer bestimmten Epoche im polnischen Judentum bloßlegen. Mordechai, der Held des Romans, durchschreitet alle Stufen. Die künstlerischen Höhepunkte des Romans liegen in den breiten Abschnitten, in denen das chassidische Leben geschildert wird; prächtig ist das Bild des „Kozkers“ geraten, der, zerfallen mit Gott, mit sich und der Welt, von den Seinen durch Jahre unter Beobachtung gehalten wird, zu dem um so mehr die wundergläubigen Anhänger eines entarteten Chassidismus pilgern, je mehr er sich weigert, das Amt des Wunderrabbis auszuüben. Neben ihm steht die ergreifend gezeichnete Idealgestalt des jüdischen „Heiligen“, Reb Itsche, .der den Zaddikismus auf neuer gereinigter Grundlage wiederaufrichten möchte. Weniger fest Umrissen erscheinen die Gestalten, die außerhalb des Rahmens des jüdischen Traditionalismus stehen, hier erscheint vieles in Charakterzeichnung und Dialog, mehr angelesen und ersonnen, als innerlich geschaut. Es ist ein großer Wurf, den der Dichter — und Opatoschu ist einer — gewagt hat. Daß er nicht restlos gelungen ist, zeigt sich am deutlichsten an der Schilderung von Mordechais Entwicklungsgänge. Der geistige Weg des chassidischen Jünglings in die große Welt, sein Schritt von Chassidismus in eine neue Romantik erscheint künstlerisch nicht recht glaubhaft und hier liegt wohl der hauptsächliche Mangel des großangelegten Werkes. Was seinen künstlerischen Wert und seine Schönheit ausmacht, ist die Fülle plastischer Szenen und ebensolcher Einzelschilderungen und hier erreicht die Kunst des Dichters eine bemerkenswerte Höhe. Opatoschus Roman ist ein Werk von großem Zuschnitt. Er bedeutet mit seiner psychologischhistorisch gefärbten Darstellung einer bedeutungsvollen Epoche des Ostjudentums eine neue Entwicklungsstufe der jidischen Romanliteratur, ein Werk, das neben manchem unleugbaren Mangel bedeutende Schönheiten aufweist. Kein Freund der jüdischen Literatur wird dieses Buch unbeachtet lassen dürfen. A. F. Karl Schwarz: Die Juden in der Kunst. Mit fünfzig Tafeln in Tiefdruck und neun Textbildern. 1928, Welt-Verlag, Berlin. RM. 8.—. Seinen programmatischen Werken „Juden in der deutschen Literatur“ und „Juden auf der deutschen Bühne“ läßt nun der Verlag eine Darstellung des Problems der Kunst unter den Juden folgen. Man darf feststellen, daß Herr Dr. Karl

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