Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 51 (21.12.1928)
- Date
- 1928-12-21
- Page
- Seite 818 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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818 Das Jüdische Echo Nr.’51 ■! ".. iin liiiiüH m i illlll Feuilleton 1II ..Uli iir r inilili nnn Jüdisches aus aller Welt Dem Juden bringt das Reisen in der Welt oft Erlebnisse, die dem Nichtjuden vollständig unbekannt sind und sein müssen. Neben die Eindrücke allgemeiner Art, die der jüdische Globetrotter draußen in der Welt empfängt, treten jüdische Erlebnisse, die oft, vielleicht gerade, weil sie unerwartet sind, zumindest bei dem ohne besonderes jüdisches Ziel Reisenden einen tiefen Eindruck hinterlassen. Oftmals kleine, fast unscheinbare Ereignisse, sind sie doch dazu angetan, in dem Juden das Gefühl der Zugehörigkeit zu seinem über die Welt verstreuten Volke zu stärken. So entsteht oft in der ödesten Wildnis oder unbekanntesten Fremde eine Brücke zwischen den Einwohnern und dem Fremdling. Dieses Grunderlebnis der jüdischen Reisenden machte auch C. Z. Klötzel zum Ausgangspunkt seines bei Gelegenheit einer Veranstaltung des „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur“ in Berlin gehaltenen Vortrags mit dem Titel „Reiseerlebnisse eines jüdischen Journalisten“. Als Beweis dafür schickte der Redner diesem Bericht über die jüdischen Erlebnisse auf seinen verschiedenen Weltreisen folgendes charakteristische, wenn auch heiter anmutende Erlebnis voraus: Die Südafrikareise des Europäers beginnt häufig an der Walfisch-Bay, einem öden, gottverlassenen Flecken Erde mit ein paar winzigen Häusern. Da das Meer an dieser Stelle zu flach ist, als daß die großen Ozeane oder auch nur die Schleppdampfer, bis an den Strand heranfahren können, geht ein Steg von etwa 700 Metern weit hinaus ins Meer. Auf dieser langen Eingangspforte nach Afrika nun schreitet der Reisende mit einer gewissen Spannung und Erwartung zur „Erforschung des wilden Afrika“, und es ist verstänlich, daß er die Inschrift an dem fernen, am Ende des Steges gelegenen Häuschen als für seine Reise symbolisch zu deuten geneigt ist. Um sich selbst den Aberglauben aber auszureden, beruhigt man seine Spannung damit, daß man sich sagt, die ferne unleserliche Schrift könne auf nichts anderes als auf ein amtliches Gebäude hindeuten. Wie erstaunt ist man dann aber, wenn sich die Schrift als „Nathan Cohn, en gros, en detail“ entziffern läßt. Also doch ein Symbol, stellt man erleichtert fest, denn wenn ein Nathan Cohn hier wohnt und sein Geschäft betreibt, dann kann einem so leicht hier nichts, passieren, und sogar, wenn es doch der Fall sein sollte, dann wird Nathan Cohn doch immer eine Zuflucht sein können und einen Ausweg wissen. Das stärkste und schönste jüdische Erlebnis hatte C. Z. Klötzl, wie er weiter mitteilt, in Saloniki. Als der junge, eben von der Lehrerbil¬ Wintersport Bekleidung und Ausrüstung Sporthaus JirlWiM in Katalog kostenlos i München, RosenstraBe 6 dungsanstalt Entlassene, als Lehrer.für den Hilfsverein deutscher Juden im Jahre 1912 nach Saloniki kam, hatte er noch das Glück, eine jüdische Gemeinschaft kennenzulernen, wie sie wohl kaum ihresgleichen auf der Welt hatte. Zu jener £eit bildete die jüdische Gemeinde mit ihren 90 000 Seelen die größte Gemeinschaft in Saloniki überhaupt, so daß man fast sagen konnte, daß nicht die Juden, wie sonst immer, bei den Nichtjuden im Ghetto wohnten, sondern eher umgekehrt. Aber auch von ihrem rein zahlenmäßigen Übergewicht abgesehen, waren die Saloniker Juden ein interessantes Und typisches Beispiel dafür, daß eine jüdische Gemeinschaft unter günstigen Verhältnissen, d. h. also ohne die zerstörenden Einflüsse des Ghettolebens und der Religionsverfolgungen, sich zu einer Gesellschaft mit normaler sozialer Struktur entwickeln kann. Diese jüdische Stadt hatte alle Bevölkerungschichten, von den Arbeitern, Gepäckträgern, Sattlern und Hufschmieden, ja sogar den jüdischen Fischern mit ihren verschiedenen Innungen, die oft gemeinsam den Schabbosabend feierlich begingen, bis hinauf zu der obersten Gesellschaftsklasse. Aus dieser Bevölkerungsschicht, deren Angehörige überaus würdige und ehrbare Männer waren, sind später viele Reformer und Modernisierer der Türkei hervorgegangen. Nach dem Kriege sind die reichsten und angesehensten Juden aus Saloniki ausgewandert, so daß jetzt in Paris mehr spaniolische Juden leben sollen als in Saloniki. Dadurch hat die Stadt ihren früheren Charakter verloren. Jene Saloniker Juden, die niemals ein Ghetto kennengelernt hatten, waren gleichzeitig auch die Träger eines konservativen mittelalterlichen Judentums. Viele trugen noch bis kurz vor dem Weltkrieg ihr spanisches Kostüm und verständigten sich in spanischer Sprache miteinander. Um das altkastilianische Sprachgut, das sich nirgends so rein wie bei den spaniolischen Juden erhalten hat, zu erforschen, kamen Sprachgelehrte, Professoren zu den jüdischen Saloniker „Mammes“ und ließen sich von ihnen die alten Volkslieder Vorsingen und sammelten auf diese Weise wertvolle Sprachdokumente. Gewissermassen das Gegenstück zu diesen Juden bilden die persischen Juden, deren Streben es ist, möglichst in allem, besonders aber in den Sitten, es den Persern gleichzutun. Sehr merkwürdig ist z. B. die Tatsache, daß die jüdischen Frauen, dem Beispiel der Perserinnen folgend, denen es die Religionsgesetze aber vorschreiben, sich nur tief verschleiert auf der Straße zeigen. Noch seltsamer mutet es den Fremdling an, wenn er sieht, daß der persische Einfluß so weit gedrungen ist, daß er sogar auf das Familienleben wirkt. Den persischen Sitten folgend, betreten die persischen Jüdinnen auch kein Bethaus, sondern hören von draußen dem Gottesdienst zu und haben die Vorschrift, sich streng davor zu hüten, mit den Männern beim Verlassen des Bethauses zusammenzutreffen. Eine weitere Lehre kann man aus dem Besuche Persiens an dem Beispiel der Hindus und der anderen Religionen, deren Angehörige ebenfalls der Assimilation an das Wirtsvolk unterworfen sind, ziehen. Vielfach ähneln die Probleme, mit denen sich diese Völker beschäftigen, denen der europäischen Juden, so daß man zu der Erkenntnis kommt, daß unsere Probleme gar nicht