Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 49 (7.12.1928)
- Date
- 1928-12-07
- Page
- Seite 788 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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788 Das Jüdische Echo / Literarische Beilage Nr. 49 Bücher und Zeitschriften Marcus Ehrenpreis: Das Land zwischen Orient und Okzident. Heine-Bund, Berlin. Das Buch des weit über seinen Tätigkeitsbezirk und den Kreis seiner Gemeinschaft bekannten Stockholmer Oberrabbiners trägt den Untertitel: „Spanische Reise eines Juden“. Denn wahrlich mit anderen Augen als denen des schönheitssuchenden Künstlers oder des erlebnislüsternen Reisenden, muß Spanien von einem Juden gesehen werden. In den Winkeln spanischer Städte, in kleinen bedeutungslosen Gäßchen, in Dingen, die keiner Beachtung wert erscheinen — überall hört er das Flüstern der Jahrhunderte jüdischer Geschichte und sieht Spuren einer Vergangenheit, die die lichtvollsten Momente inmitten der Finsternis des Mittelalters bildeten. „Das ist für mich keine Touristenfahrt in ein fremdes Land. Spanien ist für mich ein geistiges Heimatland, in dem ich seelisch einen Teil meiner Jugend verlebte. Das jüdische Spanien bedeutete für mich Licht und Finsternis, Aufschwung und Erniedrigung. Dort erlebte ich das goldene Zeitalter des jüdischen Geistes; dort habe ich am Tajo und Guadalquivir mit einem neuen Geschlechte gotterfüllter Psalmisten und Verkünder Umgang gepflogen, den einzigen Fackelträgern im finsteren Mittelalter. Dort habe ich auch mit den schwergeprüften Opfern der Inquisition gelitten ... Ich bin seelisch verbunden mit diesem Land, das mich zugleich anzieht und abstößt.“ Unter der Feder des gelehrten Autors beleben sich die toten Gassen mit den wohlvertrauten Gestalten unserer Geschichte. „Es ist geheiligter Boden, auf dem ich stehe, und Stimmen entschwundener Zeiten rufen aus diesen verwitterten Steinen.“ In Malaga ersteht vor ihm die Lebens- und Leidensgeschichte des Dichters Salomo ibn Gabirol, in Corboda steigen die Schatten des großen Maimonides vor ihm auf, in Toledo, in Sevilla, an allen Orten nimmt er nicht nur die Eindrücke von Kunst, Landschaft und Volksleben in sich auf, sondern auch den tragischen Anteil des jüdischen Volkes an der Geschichte des Landes. Ein Kapitel dieses Buches betitelt sich „Im Schatten der Inquisition“. Welcher Jude verbindet nicht den Begriff Spanien mit diesem grauenvollen Worte? Der Anblick der Stätten, an denen Autodafes stattfanden, erweckt in ihm die Frage: Ist mit der Überwindung der Inquisition auch der Geist der Inquisition überwunden? Nach einem Gespräch mit dem Diktator Spaniens, Primo de Ribera, und einigen anderen Persönlichkeiten des geistigen Spaniens glaubt er diese Frage bejahen zu können. Beinahe ergreifend zu lesen ist das Kapitel: ,4Die Marannen in Portugal“. Die ganze tragische Größe, die in der Geschichte der Marannen liegt, findet in ihm eine bewunderungswürdige Darstellung. Sie ist aber zugleich auch der Beweis nach den Worten des Autors, daß noch Leben vorhanden sein müsse in „dem morsch gewordenen Heim, an das sich die verlorenen Söhne von neuem herandrängen“. Das Buch ist im wesentlichen Gedanken, nicht Schilderungen gewidmet; es ist nicht der Bericht eines Augenzeugen, denn der Gegenstand war hier gegeben, noch bevor ihn das Auge geschaut hat. Aber durch die Begegnung mit dem Auge gewann er erst das richtige Leben. MAX WITTKOP ©pejialgefc&aft feiner «Sleifcinvaren München / Rathaus / Weinstraße Zweiggesch.: Bogenhausen, Ismaninger Str. 78 TlUee für 2Xücfce unt> ^Keller I>ie beFannten 5tmmermann=Spejtaltt«ten <5ert>orragent>e (UuaUtdt 3SUUgfte A3erecbnung gnbipibueUe33ebienung!_ Mit dieser kurzen Darstellung ist der reiche Inhalt des Buches nicht genügend wiedergegeben; dazu ist es zu tief und zu reichhaltig. Es ist nur zu wünschen, daß es im deutschlesenden Publikum die ihm gebührende Verbreitung findet. Dem Heine-Bund muß man aber für die Herausgabe dieses außerordentlich lesenswerten Werkes dankbar sein. S. Miriam Harry: Das kleine Mädchen von Jerusalem. Berlin, Heine-Bund. Die Heldin dieses Romans, Ziona, die Tochter eines offenbar aus dem Judentum ausgetretenen protestantischen Jerusalemer Buchhändlers, der wissenschaftliche Aspirationen hegt, und einer früheren protestantischen Diakonissin, erlebt in ihrer Jugend in Jerusalem viel des Merkwürdigen. Die Wirkung der Umwelt des Palästinas von vor 20 bis 30 Jahren, in dem es zwar noch keine jüdische Kolonisation aber eine wohl ausgebaute Judenmission gab, auf das kindliche Gemüt, die eigenartige palästinensische Atmosphäre, in der der religiöse Betrieb eher religiöse Bedürfnisse tötete als intensivierte, all das wird etwas breit und umständlich vielleicht, aber doch mit unleugbar dichterischer Gestaltungskraft geschildert und aus all dem ergibt sich, und darin liegt der eigentliche Wert des Buches, ein fesselndes Bild des Palästinas vor dem Beginn des jüdischen Aufbauwerks, aus dem man erkennt, daß nicht nur das jüdische Volk sein Land braucht, sondern auch das jüdische Land das jüdische Volk. Z. „Simson“. Felix Salten. (Paul Zsolnay- Verlag Wien.) Die Gestalt Simons hat schon viele Dichter zur Darstellung gereizt. Die Leser des „Jüd. Echos“ haben ja augenblicklich Gelegenheit, in Jabotinskys „Richter und Narr“ eine Bearbeitung dieses Themas kennenzulernen, die mit einer modernen, originellen Deutung antiker Symbolik eine ausgezeichnete Typen- und Milieuschilderung verbindet. Salten verschmäht die kritische Einstellung des modernen Skeptikers; bei ihm bleibt Simson der von göttlicher Vorsehung inspirierte Volksheros, der die unterdrückten Glaubensgenossen zum Kampf gegen die götzenanbetenden Philister aufruft, welche ihm persönlich wie auch dem ganzen Stamme Schmach und Schande angetan haben. Seine physische Kraft stellt auch tatsächlich das Prestige der Besiegten in etwa wieder her; gefürchtet und unangetastet geht Simson in der Hauptstadt der Feinde ein und aus und genießt dort die Gunst der Frauen, als sei er der philistäische König Zemeah selbst. Aber auch Juda, bei dem Simson sehr selbstherrlich das Amt des obersten Richters ausübt, möchte am liebsten diesen sonnig-sieghaften Menschen los sein, der nicht