Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 49 (7.12.1928)
- Date
- 1928-12-07
- Page
- Seite 780 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103081-9158260--08976-9081690- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
780 Das Jüdische Echo Nr. 49 stellt hatte, zur Verhütung von Streitigkeiten innerhalb der Ostjuden, unter Mitwirkung des Gemeindevorstands, ein Abkommen dahin getroffen, daß eine Einigung über die Person des Kandidaten unter allen Umständen zuwege gebracht werden soll und nur für den Fall des Mißlingens dieser Einigung in der Personenfrage das betreffende Mandat wie bisher vom Ohel Jakob besetzt werden sollte. Die schwierigsten, mit größten Zeitopfern verbundenen Verhandlungen, in welchen immer wieder von Ohel Jakob hervorgehoben wurde, daß man größten Wert darauf lege, ein ostjüdisches Mitglied, über das sich alle einigen sollten, in die orthodoxe Fraktion zu delegieren, führten leider zu keinem Resultat. Es blieb daher nichts übrig, als das Mandat wieder durch ein Mitglied des Ohel Jakob besetzen zu lassen. Dieses Ergebnis war und ist ein durchaus unerwünschtes, wie den beteiligten Parteien auf das eindringlichste auseinandergesetzt wurde, und es ist daher die Darstellung, daß Ohel Jakob dieses Resultat wünschte, und als einen Erfolg anstrebte, völlig verkehrt. Zu irgendeiner Protestkundgebung gegen Ohel Jakob bestand und besteht daher nicht der geringste Anlaß und widerspricht den diesbezüglichen Erklärungen die Tatsache, daß die mit jenen Verhandlungen betrauten Persönlichkeiten die vollkommene Loyalität des Ohel Jakob und seiner Vertreter ausdrücklich anerkannten. E. F. Herr Jakob Reich, dessen Name unter dem von ihm verfaßten Artikel „Gemeindewahlen“ in unserer Nr. 48 nur infolge eines technischen Versehens weggeblieben war, gibt uns auf unser Ersuchen hierzu folgende Erklärung: Der Verein Ohel Jakob ging in der Angelegenheit von der völlig irrigen Voraussetzung aus, als ob es unter den Ostjuden etwas wie eine große liberale und eine kleine orthodoxe Gemeinde gäbe. In der Tat gibt es in allen ostjüdischen Betsälen strenggläubige und minder strenggläubige Mitglieder; in dem großen Verein Linas Hazedek-Agudas Achim entsprechend der weit größeren Mitgliederzahl auch eine mehrfache Zahl strenggläubiger als im Schomreh Schabos. Daß der Verein Ohel Jakob nicht in gleicher Weise wie die Zionisten Fühlung mit dem Großteil seiner ostjüdischen Wählerschaft gefunden hat, ist Ursache der ganzen bedauerlichen Entwicklung. Außer dem Vorstande des Ohel Jakob hat wohl niemand daran gezweifelt, daß der Gesamtausschuß der Ostjuden, der die Organisation sämtlicher in München bestehender ostjüdischer Vereine ist, als die einzige legitimierte Vertretung der Ostjudenschaft Münchens angesehen werden muß. Wieder Bralmann! Wie schon so oft in der antisemitischen Literatur, in welcher mit betäubender Eintönigkeit längst widerlegte Behauptungen immer wieder ihre „ewige Wiederkunft“ feiern, erlebt nun jetzt dank dem Professor der Geographie an der Universität Hamburg Passar'ge das längst vergessene russische Buch von Jakob Brafmann „Vom Kahal“ in deutscher Sprache seine Auferstehung.1 In Rußland 1 Jakob Brafmann, das Buch vom Kahal, auf Grund einer neuen Verdeutschung herausgegeben von Dr. Siegfried Passarge, Leipzig, Hammer- Verlag, 1928. mußten seinerzeit jüdische Gelehrte und Schriftsteller viel Mühe anwenden, um das böswilligtendenziöse Werk des jüdischen Renegaten zu widerlegen, welches den Juden in Rußland in der Tat großen Schaden zugefügt hat, weil die Vertreter der Regierung — teilweise bona fide —, die in dem Buch enthaltenen Beschuldigungen für zweifellose Tatsachen hielten und daraus ihre Konsequenzen in der Behandlung der Judenfrage zogen. Jetzt, nach drei Vierteljahrhunderten, sind nun deutsche Juden gezwungen, sich mit dem Machwerk zu beschäftigen. Anläßlich des Wiederauftauchens der Brafmannschen Schriften erscheint es daher von Interesse, auf eine Erinnerung an Brafmann hinzuweisen, die in einem soeben in Petersburg (Leningrad) erschienenen Sammelwerk („Jewreisky Westnik“, „Jüdischer Bote“, 1928) enthalten ist. In diesem Sammelwerk sind nämlich bis jetzt unveröffentlichte Bruchstücke aus den Erinnerungen des bekannten 1892 verstorbenen russisch-jüdischen Dichters J. L. Gordon abgedruckt. Der Dichter lebte in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Petersburg, wo er Sekretär der jüdischen Gemeinde und der „Gesellschaft der Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland“ war. Brafmann war damals in der Zensurbehörde in Petersburg als Zensor für hebräische Bücher angestellt; infolgedessen mußte der jüdische Dichter Gordon sich bei verschiedenen Gelegenheiten an ihn wenden, wenn Brafmann aus diesen oder jenen Gründen sich gegen das Erscheinen irgendeines hebräischen Werkes aussprach. Bei einer solchen Gelegenheit — es handelte sich um ein von Gordon verfaßtes hebräisches Gebet anläßlich der Eröffnung eines neuen jüdischen Friedhofs in Petersburg im Februar 1874, gegen dessen Veröffentlichung Brafmann sein Veto einlegte — mußte Gordon, der schon Brafmann früher kannte, letzteren besuchen. Es gelang ihm, Brafmann zu bewegen, das Verbot des Erscheinens dieses Gebetes aufzuheben, und als Gordon sich nun verabschieden wollte, lud ihn Brafmann, als „alten Bekannten“, zu einem Glas Tee zu sich ins Eßzimmer ein. Bei diesem Glas Tee nun, erzählt Gordon, fing Brafmann an, mir sein Verhältnis zu den Juden und die Ursachen seiner Feindseligkeit den Juden gegenüber auseinanderzusetzen. Die Juden hätten ihm, sagte er, einst furchtbares Leid zugefügt. Es war in der Provinz in einer Kleinstadt (noch bevor Brafmann zum Christentum übertrat), es starb ihm ein Kind, für dessen Beerdigung er nichts zahlen konnte. Und als er noch nach* jüdischer Sitte auf der Erde saß und seinen Verlust beweinte, kamen zu ihm die Männer von der Chewra Kadischa und nahmen ihm erbarmungslos einen Gegenstand weg, um seine Schuld an die Chewra Kadischa sicherzustellen. Er habe dann geschworen, sich für die herzlose Handlung zu rächen. Aber, fügte Brafmann hinzu, seine Enthüllungen und Angriffe auf die Juden verfolgen nicht den Zweck der Rache und Verleumdung, sondern der Verbesserung und Ausrottung ihrer Mißbräuche. „Durch mein Kahalbuch“, sagte er wörtlich, „habe ich nur die ganze Schädlichkeit der jetzigen jüdischen Verhältnisse gezeigt. Sie haben alle gesehen, wie man mir glaubt und welchen Eindruck mein Buch hervorgebracht hat. Jetzt befinde ich mich an einem Wendepunkt. Wenn ich bisher dargelegt hatte, welchen Schaden die Juden verursachen, so steht mir jetzt bevor, zu beweisen, auf welche Weise dieser Schaden gut zu machen ist. Es liegt an mir. Ich kann in dem früheren Geist fortfahren und beweisen, daß es kein anderes Mit-