Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 48 (30.11.1928)
- Date
- 1928-11-30
- Page
- Seite 766 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103081-9158259--08961-9081675- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
766 Das Jüdische Echo Nr. 48 überall in Sowjetrußland. In der chemischen Fabrik Kadiedsk wurde vor kurzem ein jüdischer Arbeiter von einem antisemitischen Arbeitskollegen totgeschlagen. Ein chinesischer Arbeiter, der dem Juden beistehen wollte, wurde von dem Huligan ebenfalls getötet. Der Doppelmörder ist bis heute noch nicht in Haft genommen worden. In einer Moskauer Glasfabrik haben es sich die Arbeiter zur Gewohnheit gemacht, die in der gleichen Fabrik beschäftigte Arbeiterin Barschej grausam zu quälen. Das Mädchen wurde überwältigt, splitternackt ausgezogen und mit eiskaltem Wasser übergossen. An diesen Ausschreitungen beteiligten sich auch Mitglieder der Liga der Jung-Kommunisten. Das Mädchen hat bei den übergeordneten Behörden eine Beschwerde eingereicht, die aber vollkommen ignoriert wurde. Weizmanns Rückkehr nach Europa — Jewish- Agency-Arbeitsbeginn Neuyork, 22. November. (JTA.) Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation, Dr. Chaim Weizmann, hat nach mehrwöchigem Aufenthalt in Amerika an Bord des Dampfers „Berengaria“ die Rückreise nach Europa angetreten. Am Tage vor seiner Abreise fand ihm zu Ehren ein Abschiedsdiner statt, an welchem die führenden Persönlichkeiten der Zionisten und der Nichtzionisten teilnahmen. Die Veranstaltung leitete Herr Morris Rothenberger. Der Hauptredner der Veranstaltung war Louis Marshall, der Präsident des American Jewish Committee und Führer der amerikanischen Nichtzionisten. Er teilte der Versammlung mit, daß er Dr. Weizmann ein Dokument mit auf den Weg gegeben habe, das geeignet ist, die noch vorhanden gewesenen Differenzen und Vorbehalte aus der Welt zu schaffen. Der Text dieses Dokumentes wird in kurzer Zeit veröffentlicht werden. Die Darlegungen Marshalls wurden mit großem Beifall aufgenommen. Im Verlauf der Veranstaltung ergriffen noch das Wort die Herren Felix M. Warburg, Schulman, A. Goldberg, Kaplan u. a. m. Sämtliche Redner hoben rühmend Weizmanns Leistung hervor, dem es gelungen sei, die Judenheit Amerikas im Zeichen des Palästinawerkes zu einen. Dr. Weizmann forderte in seiner Dankrede Louis Marshall dringend auf, für einige Zeit nach Palästina zu kommen. Er sprach die Hoffnung aus, mit Herrn Louis Marshall nach der Organisierung der Agency in verschiedenen europäischen Ländern zusammenzutreffen, wo dann im Herbst 1929 das gemeinsame Werk beginnen wird. Weitere Verbauung der Klagemauer durch die Moslemiten Jerusalem, 21. November. (JTA.) Nachdem die Moslemiten vor kurzem an der linken Seite der Mauer Bauarbeiten durchgeführt und auch über der Mauer ein kleines Gebäude errichtet hatten, haben sie nun begonnen, auch an der rechten Ecke der Mauer Gebäude zu errichten. Das eine Gebäude ein Greisenasyl beherbergen. Fünfmal am Tage erscheint jetzt der Muezzin soll ein geistliches Hospiz, das andere Gebäude (mohammedanischer Geistlicher, der in den Minarets zum Gebet ruft) an der Spitze der Klagemauer, gerade über der Stelle, wo der Oraun Kaudesch angebracht ist, und ruft die Moslemiten zum Gebet auf. Unter den Juden Jerusalems und ganz Palästinas haben diese neuen Gewaltstreiche der Araber, insbesondere die Verhöhnung der jüdischen Andacht durch die dazwischen tönenden Rufe des Muezzin, große Erregung und Empörung hervorgerufen. Sowohl in den neuen Bauaufführungen als auch in der an dieser Stelle noch nie in Erscheinung getretenen Amtierung des Muezzin wird eine eklatante Verletzung des Status quo an der Klagemauer erblickt. Die Judenheit legte bei dem Distriktskommissar von Jerusalem Protest ein; dieser versprach, die Angelegenheit eingehend zu prüfen. Feuilleton Jüdische Impressionisten Die Leitung der „Lehrkurse der Israelitischen Kultusgemeinde“ hat zweifellos einen guten Griff getan, als sie Herrn Dr. Karl Schwarz, Kustos des aufstrebenden Museums der Berliner jüdischen Gemeinde, zu einem Vortrag gewann. Der starke Besuch des Abends, der den „Vier großen jüdischen Impressionisten P i s s a r o , Israels, Liebermann und U r y“ gewidmet war, bewies von vornherein das große Interesse, das dem Thema wie dem Vortragenden entgegengebracht wurde. Der Lessingsaal faßte kaum die Zahl der Erschienenen. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts drangen die Juden durch die Befreiung von äußeren Hemmungen in alle Kulturgebiete ein und so kommt es, daß wir bereits im Beginn der romantischen Kunstbewegung Juden finden, allerdings solche, die dem Judentum den Rücken gekehrt hatten. Im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts — in der Zeit der Historienmalerei — stoßen wir auch auf die Behandlung jüdischer Themen. Obwohl Juden solche Szenen schildern, wie Bendemann „Die Juden an den Wassern Babels“ oder „Jeremias auf den Trümmern Jerusalems“, wie Oppenheims genrehafte Darstellungen aus dem jüdischen Leben des 18. Jahrhunderts, so fehlt doch die seelische Grundeinstellung, um diese Werke als jüdisch bezeichnen zu können. Das wird erst ananders, als mit dem Plein-Airismus und dem daraus entstandenen Impressionismus die Forderung auftritt, die Dinge so wiederzugeben, wie sie gesehen werden. Nun wird das Temperament zum Träger der künstlerischen Auffassung. Damit ist die Möglichkeit gegeben, das „Jüdische“ irgendwie in Erscheinung treten zu lassen. Wie das an Camille Pissaro, Jozef Israels, Max Liebermann und Lesser Ury sich zeigt, legte Herr Dr. Schwarz an Hand eines reichen Lichtbildermaterials dar. Seine Worte geben der einzelnen Erscheinungsform ihren Gehalt und führten in vier jüdische Welten ein. Pissaro, dessen Frühwerke infolge des Vormarsches der Deutschen vor Paris im Jahre 1871 zum großen Teil der Vernichtung preisgegeben waren, hat mit dem Kreis um Manet und Monet gelebt. Er hat vielleicht am konsequentesten die Lehre befolgt, daß den Erscheinungen aufs' genaueste nachgespürt werden muß. In dieser Hingabe steckt der jüdische Trieb zum Absoluten. Bei Jozef Israels, der erst als Vierzigjähriger vom Rabbinerberuf zur Malerei kam, äußert sich zunächst seine Stammeszugehörigkeit in den Sujets; das Amsterdamer Ghetto hatte es ihm — neben den holländischen Fischerhütten — angetan. In seinen letzten Wer-