Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 15 (1928)
- Issue
- 47 (23.11.1928)
- Date
- 1928-11-23
- Page
- Seite 751 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9103081-9158257--08945-9081659- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 47 Das Jüdische Echo 751 gen Leute tun, wenn sie nicht mehr weiter wissen: er besann sich auf seine Philosophie, zog mit stoischer Überlegenheit seinen Knaster aus der Tasche und beschäftigte sich eingehend mit seiner Pfeife. Das erwies sich für die Zukunft in der Tat als das beste Mittel, seine Würde zu wahren. Denn Würde besaß Reb Leiser ohne Zweifel. Wußte er sich doch als wahrer Meister seines Faches. Ein jeder Modus, würde Spinoza sagen, hat den Trieb zur Selbsterhaltung, und unser Herrgott hat jeden Modus mit den Anlagen ausgestattet, die zu seiner Erhaltung notwendig sind. So entsteht in jedem Menschen der von sei- Anlagen diktierte „Beruf“ zu einer bestimmten Tätigkeit und so fühlte sich auch Reb Leiser zum Schnorrer „berufen“. Obwohl er es von Haus aus nicht nötig hatte, da seine Kinder ihm reichlich Unterstützung gewährten und ihn flehentlich baten, nicht „zu den Leuten zu gehen“. Sie Jiatten eben kein Verständnis dafür, daß er zum Schnorrer „berufen“ war. Besaß er doch die zu diesem Beruf so notwendige Tugend: demütige Bescheidenheit. Wie er mit dieser Gabe geradezu wucherte, das stempelte ihn fürwahr zu einem Meister seines Faches: demütigen Antlitzes konnte er ein ihm dargebotenes Tablett mit Gebäck durch einen Griff blanklegen; demütig konnte er aus einem Weinglas 96prozentigen Spiritus, trinken und sich die bescheidene Bemerkung erlauben, dieser „Bromven“ (Branntwein) sei nicht so, wie „es gehört zu sein“. Eine wesentlich andere Auffassung von seinem Beruf hatte nun Reb Mendel. Davon zeugte sein Auftreten seinen Gastgebern gegenüber. Er war sich bewußt, daß er ihnen mehr gab, als sie ihm. Denn was würden sie denn tun, wenn es keine keine Schnorrer gäbe, die ihnen doch erst die Erfüllung einer Mizwoh ermöglichten. (Ja, Reb Mendel kannte seinen Wert und gab das auch anderen zu verstehen.) Sein ganzes Auftreten zeugte von Standesbewußtsein. Nicht nur, daß den seinem eigenen Wohl dienenden Ansprüchen genügt werden mußte, auch unseren inneren Angelegenheiten versagte er seinen Rat nicht. Etwa gab er, zu meinem Leidwesen, in Erziehungsfragen seine Methoden zum besten; merkwürdige, schrullige Methoden, die im Tertianer, der schon etwas vom „Jahrhundert des Kindes“ gehört hatte, einen heiligen Manneszorn entfachten, d/ie aber merkwürdigerweise Erfolge zeitigten. Und lernen konnte dieser Fonje! Wenn im Talmud-Disput zwischen meinem Vater und mir ein Stocken eintrat und Reb Leiser in seiner Bescheidenheit auch hier konsequentes Stillschweigen beobachtete, brauchte Reb Mendel nur einen Blick in die Gemoro zu tun, um die Gedankenabwicklung wieder in Fluß zu bringen. Allerdings hütete sich mein Vater, sich dann an ihn zu wenden, wenn der Kaffee nicht heiß oder stark genug geraten war, denn dann konnte der Litwak ein Paradoxon aufstellen und es mit so vielen Zitaten aus Bibel und Propheten belegen, daß uns ganz schwindlig wurde. Wer wollte ihm widersprechen, da er alles auswendig zitierte. „Eiserne Köpfe haben sie, diese Litwaks“, murmelte da meine Mutter im Winkel. Auch das hätte ich ihm noch verziehen. Hätte ihm verziehen, daß er solch glänzender Talmudist war und durch sein Eingreifen bei schwierigen Stellen meine stille Hoffnung zunichte machte, mein Vater werde es für heute genug sein lassen, um das .nächste Mal mit frischen Kräften zu beginnen. Ein Moment aber spielte, wie so oft im Leben, auch in dem Verhältnis zwischen dem Litwak und mir eine verhängnisvolle Rolle: Die Politik. Man denke nur, dieser Fonje konnte, wenn ich freudestrahlend die Nachricht ins Zimmer trompetete, weitere hunderttausend Russen seien gefangen, wütend einwenden, daß umgekehrt ebensoviele Deutsche dies Schicksal getroffen habe. Und wenn ich ihm triumphierend den Bericht der deutschen Heeresleitung vorlas, so unterfing sich dieser Mensch, an der Wahrheitsliebe der obersten Heeresleitung zu zweifeln. Und wenn, ich, darob außer mir, ihm den Schlachtenplan vorführte, wie er uns in der Schule phantasiereich ausgemalt worden war, so schilderte er mir ausführlich die Einkreisung der deutschen Armee und bewies mir schließlich an Hand einiger temperamentvoller Berechnungen, daß der Krieg den und den Ausgang nehmen müsse. Welch seltsames Geschöpf ist doch der Jude. Dieser Litwak hatte in jungen Jahren unter zaristischem Regime bei einem „kleinen, nicht nennenswerten“ Pogrom seinen Vater verloren; auf der Suche nach einem Erwerb wurde er auf Schritt und Tritt gehemmt und mußte, wie viele seiner dortigen Glaubensgenossen, auswandern. Welches Gute hatte er seinem Vaterlande zu verdanken? Allein die Tatsache, daß es sein Vaterland war, daß er in ihm seine Jugend verlebt PEL ZAAODEN ■BeRNHAkD BAUCH MÜNCHEN SCHÄFFLERSTRASSE 3 KAUFINGERSTRASSE 25 BRIENNERSTRASSE 8